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Henriette de Maizière/
Marcus Niehaves

Henriette de Maizière, Redakteurin im Landesstudio Berlin
Marcus Niehaves, Redakteur und Reporter im Landesstudio Baden-Württemberg

Als die D-Mark kam
Dokumentation zur deutsch-deutschen Währungsunion

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Henriette de Maizière
Henriette de Maizière


Marcus Niehaves
Marcus Niehaves



Ungewöhnliche Drehorte inklusive: Ein Nazi-Bunker, der früher Waffenvorräte barg, sollte der letzte Aufbewahrungsort für das entwertete Ost-Geld sein. Doch in »den sichersten Ort der DDR« stiegen 2002 Diebe ein
Ungewöhnliche Drehorte inklusive: Ein Nazi-Bunker, der früher Waffenvorräte barg, sollte der letzte Aufbewahrungsort für das entwertete Ost-Geld sein. Doch in »den sichersten Ort der DDR« stiegen 2002 Diebe ein


Das Team auf dem Leipziger Nikolaikirchplatz: die Autoren mit Kameramann Roland Rippl, Kamerassistenten Dirk Schittkowski und Peter Schuster.
Das Team auf dem Leipziger Nikolaikirchplatz: die Autoren mit Kameramann Roland Rippl, Kamerassistenten Dirk Schittkowski und Peter Schuster.


Nicht immer klar, wo hinten oder vorne ist: die Wand mit dem Ost- und Westmarkschein
Nicht immer klar, wo hinten oder vorne ist: die Wand mit dem Ost- und Westmarkschein
 

20 Jahre nach der deutsch-deutschen Währungsunion am 1. Juli 1990 zeigen Henriette de Maizière und Marcus Niehaves in einer »blickpunkt«-Reportage die großen Momente der historischen Zäsur. Sie sprechen mit Menschen, die damals eng an den Entscheidungen beteiligt waren – wie Theo ­Waigel, damals Finanzminister, Karl-Otto Pöhl, damals Chef der Bundesbank, Lothar de Maizière, erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR, und mit Edgar Most, damals Vizepräsident der Staatsbank der DDR. Vier Architekten der Währungsunion. 20 Jahren ist das nun her.

Der Anfang ist ein Puzzle. Bestehend aus 20 Würfeln. Schnell wird klar: Es handelt sich um Geld. Der Kopf von Karl Marx prangt auf dem überdimensionalen 100-Ost-Mark-Schein, den wir uns für die Produktion haben bauen lassen. Auf der Rückseite ist der alte West-Mark-Schein abgebildet. Obwohl, welche Seite ist bei einem Film über die Währungsunion 1990 eigentlich die Vorder- und welche die Rückseite?

Das haben meist unsere Protagonisten selbst entschieden und damit oft Auskunft über sich gegeben. Darauf hatten wir gehofft, als wir uns die Wand ausgedacht hatten: Erinnerungen wecken, ins Gespräch kommen und dabei ein optisch verbindendes Element schaffen.

Als dann die Würfel geliefert wurden, mussten wir schon ein bisschen schlucken. Da hatten wir uns ganz schön was ans Bein gebunden. Allein die Logistik für unsere Drehreise war ein Abenteuer. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Denn egal, wo wir die Wand aufbauten, waren die Menschen, unsere Interviewpartner genauso wie Passanten auf der Straße, in den Bann gezogen. Geschichte zum Anfassen.

Karl-Otto Pöhl:
»Die Leute haben eine Illusion gehabt in der DDR. Das war einer der ganz großen Irrtümer, dass sie geglaubt haben, dass sie mit der D-Mark auch den Lebensstandard von Westdeutschland erhielten.«

Wir haben uns auf die Spuren der alten Ost-Mark und der ankommenden D-Mark gemacht. Wir haben einen Fahrer eines Geldtransporters getroffen, der auch heute noch mit seinem Wohnmobil die Strecken abfährt, die er damals mit bis zu drei Milliarden D-Mark im Laster befahren hat.

Wir haben in Magdeburg Menschen getroffen, die nach der Währungsunion ihren Job beim Schwermaschinenkombinat »Ernst Thälmann« (»SKET«) verloren haben. Ihnen fällt es schwer, die Währungsunion und die darauf folgende Einheit von ihrem Schicksal zu trennen. Manche von ihnen sind immer noch sehr enttäuscht.

Denn mit der Währungsunion ging auch die Wirtschaftsunion einher, die Umstellung von der Plan- zur Marktwirtschaft. Viele DDR-Betriebe waren nicht konkurrenzfähig, erst recht nicht mit Einführung der D-Mark. So auch das »SKET« in Magdeburg, die ehemaligen Krupp-Gruson-Werke, die im Krieg schwer zerstört wurden. Später wurde daraus ein volkseigener Betrieb unter dem Namen »SKET«. Im Schwermaschinenkombinat »Ernst Thälmann« wurden Kräne produziert, ganze Stahlwerke. Hauptabnehmer war Osteuropa. Ein DDR-Vorzeigewerk wollten und sollten sie sein …

»Thälmann-Werker« zu sein, das war etwas, worauf die Magdeburger stolz waren. Auch Elmar Skubovius. Doch als Leiter des Büros des Generaldirektors kannte er auch die Schattenseiten: »Auch dass wir hier die halbe Stadt Magdeburg mit Essen versorgt haben. Alle Krankenhäuser, alle Kindereinrichtungen, die Schulspeisung – alles wurde hier produziert. Auf unsere Kosten wohlgemerkt. Das alles sind so Dinge, die nicht gut gehen konnten.« Es ging nicht gut. »SKET« ist mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion eingegangen.

Theo Waigel:
»Unter den gegebenen Umständen, die wir vorfanden, war die Entscheidung richtig und notwendig. Dass sie auch da und dort Verlierer mit sich bringt, ist wahrscheinlich unvermeidlich. Insgesamt ist die ganz große Mehrheit der Deutschen Gewinner dieses Prozesses.«

Aber wir haben auch die Erfolgsgeschichten gefunden: »Vita Cola« in Schmalkalden. Nach der Wende wollte niemand das koffeinhaltige Getränk kaufen. Die Marke verschwand. Doch inzwischen gibt es sie wieder, in Thüringen sogar als Marktführer.

Der wohl aufregendste Drehtag war der Himmelfahrtstag. Wir hatten die Genehmigung, unsere Geld-Wand vor der Leipziger Nikolaikirche aufzubauen. Dort, wo 1989 die Rufe »Wir sind das Volk« schallten, später »Wir sind ein Volk« und schließlich auch »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr«. Hier wollten wir die Menschen von der Straße befragen. Wir haben es »Vox-Pop deluxe« genannt: Was haben die Menschen damals empfunden, welche Ängste begleiteten die Einführung der D-Mark? Welche Erinnerungen haben sie an das alte und an das neue Geld?

Was wir erlebten, überwältigte uns. Wir haben die Menschen aufgefordert, die Wand aufzubauen. Vier Frauen erklärten sich bereit. Das Puzzeln fiel ihnen schwer, aber die Deutsche Einheit war bei ihnen längst vollzogen: Die vier Frauen – zwei aus Bayern, zwei aus Sachsen – haben sich letztes Jahr im Sardinienurlaub kennengelernt. Nun wollen sie sich regelmäßig treffen, Freundinnen sind sie geworden. Fragen nach Spannungen zwischen Ost und West irritierten sie.

Oder das Pärchen: sie aus dem Osten, er aus dem Westen. Gemeinsam bauten sie die Wand, halfen einander in großer Harmonie. Auf die Harmonie zwischen ihnen angesprochen, erzählte die Frau, sie seien Geschwister und 40 Jahre getrennt gewesen. Ihr Bruder habe sie gesucht, und gestern haben sie sich zum ersten Mal wieder gesehen. Bei uns bauten sie dann gemeinsam die Wand auf. Ein Stück ihrer Geschichte. Geschichten über die Währungsunion, wie wir sie nicht hätten recherchieren können.

Lothar de Maizière:
»Es gibt keinen Königsweg in so einer Situation. Abgesehen davon, dass es in der DDR Hunderte Lehrbücher gab, wo man nachlesen konnte, wie man vom Markt zum Plan kommt. Es gab aber keinen Weg von Plan zum Markt, kein Buch, und das wusste auch in Westdeutschland keiner. Die hatten zwar ein teures Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, aber keines für gesamtdeutsche Antworten.«
 
 
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