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Zur thematischen Unerschöpflichkeit der Weltmeere gehört auch die ozeanische Anzahl kluger Gedanken und Zitate über diesen großen Sehnsuchtsort. Vor vielen Jahren sah ich eine Dokumentation über den österreichischen Meeresforscher Hans Hass (geboren 1919), der für mich unvergesslich in die Kamera sagte: »Es gibt viele wunderschöne, geheimnisvolle Orte auf dieser Welt. Aber der schönste und geheimnisvollste von allen ist das Meer.«
Der schönste Ort das Meer. Der Gedanke von Hans Hass war eine passgenaue Vorlage für unser Bestreben, die Welt der Ozeane in einer aufwändigen großen Bildungsdokumentation abzubilden: Deren geheimnisvolle Seite zu zeigen und deren Schönheit einzufangen, sollte die Zuschauer für die Weltmeere neu begeistern. Mit einem kleinen pädagogischen Hintergedanken, denn der Mensch geht bekanntlich nur mit dem gut um, was er kennt und was er liebt. Unsere Wissenschaftsdoku bediente sich der modernsten filmischen Mittel, die uns zur Verfügung standen: außergewöhnliche Unterwasseraufnahmen, detailgenaue Re-Enactments und atemberaubende Computeranimationen in 3D von Fischen aus der Urzeit der Meere, wie dem Megalodon und dem Pantodonten, von der ersten Zelle, die vor Milliarden Jahren im Ozean entstand.
Aber es ging in »Universum der Ozeane« nicht allein darum, die Faszination der Natur zu beschwören. Auch wollten wir keine Gesamtschau der Meere angehen im Sinne eines reinen Wildlife-Programms, wie dies die BBC vor einigen Jahren mit ihrem beeindruckenden »Blue Planet« gemacht hat. Sondern wir versuchten, dem Ozean als Phänomen auf die Spur zu kommen: Wie sind die Meere entstanden? Was berichtet die Forschungsgeschichte der Ozeane? Und wie ist das Verhältnis des Menschen zum Meer? Drei Viertel der Erdoberfläche sind von den Weltmeeren bedeckt, und doch wissen wir weniger über sie als über ferne Planeten. Nur die oberen Schichten sind von Licht durchdrungen, darunter herrscht ewige Finsternis und rätselhaftes Leben. Laut Colin Devey vom IFM-GEOMAR kennen wir »grob über zehn Prozent des Meeresbodens«, genau kennen wir »unter ein Prozent«.
Der Bestsellerautor Frank Schätzing hat die Reihe präsentiert. Mit ihm könnte man bei einem Kölsch in seiner Heimatstadt sicher viele populärwissenschaftliche Fernsehsendungen erfinden. Aber hier war der Stoff bereits greifbar. Schätzing hatte den Schwarm und danach die Nachrichten aus dem unbekannten Universum vorgelegt, eine engagiert erzählte Geschichte der Ozeane. Beides eignete sich wunderbar als Spiritus rector, als Impulsgeber des Fernsehevents. Sein Wissen, sein besonderer Tonfall, seine Erzählkunst kamen zusammen mit unserer Kompetenz, plastische Bilderwelten zu entwerfen. Wir mussten stark auswählen die ozeanische Inhaltsfülle seiner Bücher ließ sich nicht im Mindesten abbilden, aber den Spirit zu erfassen, das ging schon. Sein Debut als TV-Moderator hatte Schätzing 2007 mit dem internationalen ZDF-Dreiteiler »2057« über die Welt der Zukunft gegeben. Gerade bei den Themen Zukunft (siehe auch seinen Roman Limit 2009) und Ozeane ist Schätzing ein besonders authentischer, da extrem kenntnisreicher Vermittler. Seine erzählerische Umsetzung von Wissenschaft ist exakt die Vorgehensweise von »Terra X«.
»Universum der Ozeane« reflektiert Erdgeschichte, Forschungsentwicklung und immer auch unser Verhalten dem Meer gegenüber, das größtenteils ausbeuterisch geworden ist. So wie Schätzing die Zukunft nicht als unentrinnbares Schicksal sieht, sondern als einen gestaltbaren Raum, den der Mensch endlich positiv nutzen muss, so verlangt er vom Menschen neue moralische Anstrengungen dem Meer gegenüber, um dadurch mit unseren Vorgehensweisen das Element nicht nur negativ zu verändern. Die Meere sind gnadenlos überfischt, der lukrative Thunfisch vom Aussterben bedroht, der Hai zunehmend hingeschlachtet, da seiner Flossen beraubt für angeblich die Manneskraft stärkende Haifischsuppen. Das wurde im Dreiteiler genauso thematisiert wie die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, denn ohne eine Berücksichtigung dieser Jahrhundertkatastrophe im Tiefseebergbau darf keine Meeresbilanz mehr auskommen. Wie sehr die Meere den Menschen beschäftigen, spiegelte sich auch in der großen Bestürzung, mit der die Weltöffentlichkeit Anteil an der Katastrophe im Golf von Mexiko nahm. Hoffentlich erweist sich diese Katastrophe nicht als Menetekel, sondern ist der Schock, der zum Umdenken zwingt.
So erwies sich »Universum der Ozeane« nicht nur als ein faszinierendes Stück Naturfernsehen, sondern auch als eine journalistische, kritische Betrachtung des Zustands, in dem dieser Lebensraum sich befindet. Aus diesem Grund haben wir uns besonders in Teil eins mit dem großen Forschungsprojekt »Census of marine life« befasst, das im Jahr 2000 ins Leben gerufen wurde und im Sommer 2010 erste Ergebnisse veröffentlichte. Rund 2 000 Forscher haben eine Art Volkszählung der Lebewesen der Meere unternommen, der Tiere und Pflanzen mit den globalen Wanderbewegungen von Fischen, Haien und Walen, akribisch, mit modernsten Forschungsmethoden ein gigantisches Projekt. Natürlich kann die Erkenntnishöhe moderner Naturwissenschaft nicht unmittelbar ins Fernsehen übersetzt werden, auch weil Verständlichkeit und Zugänglichkeit nicht das primäre Ziel von Forschung sind. Doch die Forscher zu zeigen und ein Gefühl für ihre Arbeit zu schaffen, ist uns immer wieder ein Anliegen. Und so war unsere Kamera live dabei, als der Tauchroboter des deutschen Forschungsschiffs Meteor in 3 000 Metern Tiefe die heißen Schlote der schwarzen Raucher messen konnte: 407 Grad Celsius, so heißes Wasser wie hier am so genannten Drachenschlund wurde noch nirgends auf der Welt gemessen, einer der magischen Momente in unserem Dreiteiler.
»Universum der Ozeane« (Gruppe 5 Filmproduktion Köln, Regie Stefan Schneider) ist eine internationale Koproduktion, für die wir ARTE und National Geographic US als Partner gewinnen konnten. Fast drei Millionen Euro stecken in dem Projekt, das entspricht dem Minutenpreis eines gut ausgestatteten deutschen Fernsehfilms. Das sieht man dem Programm auch an. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Weltmeere und die Wissenschaft im Fernsehen diese finanzielle Zuwendung verdient haben. Wir haben vor einigen Jahren damit begonnen, besondere »Terra X«-Programme mit großem Aufwand zu produzieren, ähnlich dem Product Value von Show und Fiktion, und diese Neuorientierung und Nobilitierung im Genre der Bildungsdokumentation hat sich wahrlich bezahlt gemacht. Dazu gehört auch, dass die aufwändigen Computeranimationen inzwischen am Fernsehstandort Deutschland entstehen, noch vor einigen Jahren waren wir gezwungen, die CGI-Sequenzen in England produzieren zu lassen.
Unsere »Terra X«-Programme am Sonntagabend sollen nicht allein die akademische Elite ansprechen, sondern vor allem jene, die sich (weiter-) bilden wollen. Vermitteln, Gestalten und Erinnern von Weltbildung ist Kultur, wie wir sie interpretieren. »Terra X« ist Primetime-Femsehen, mit großer Wertschätzung beim Publikum und einer besonders hohen Akzeptanz beim jungen Publikum. Wir hatten gerade im Jahr 2010 mit den Reihen »Superbauten«, »Deutschland von oben« und »Universum der Ozeane« spektakulär viele Zuschauer, teilweise über fünf Millionen. Manche wundert noch immer, wie überaus erfolgreich Bildungsfernsehen heute sein kann.
»Bildungsfernsehen, das nicht unterhält, ist nicht akzeptabel.« Das sagte mir einmal ein hoch angesehener Kulturredakteur der BBC. Unsere Losung dazu lautet: Nur wer fasziniert ist, lernt auch. | |