2012
Peter Kaadtmann, ARD/ZDF-Paralympics-Teamchef
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»Behindertensport in der Mitte der Gesellschaft«
Bundespräsident Gauck würdigt Paralympics im ZDF

Die bisher größten Paralympics wurden in diesem Jahr zweieinhalb Wochen nach den Olympischen Spielen in London ausgetragen. Die Hauptredaktion Sport hat über diese Veranstaltung so umfangreich wie noch nie berichtet und weist damit zugleich dem Behindertensport einen immer stärker werdenden Platz zu, der ihm nicht nur aus reinem Programmauftrag gebührt.

Es war die spannende Schlussphase im Viertelfinale der Rollstuhl-Basketballer. Deutschland hatte souverän gegen die USA begonnen, verlor aber gegen Spielende den berühmten Faden und lag nun um einige Punkte zurück. Als der deutsche Spielmacher ein weiteres Mal den Korb verfehlte, kritisierte Norbert Galeske, Reporter der Liveübertragung im ZDF, den Spieler und seinen Fehlwurf mit harten Worten: »Jan Haller – ein Totalausfall!« Der so Gescholtene konnte vor lauter Ärger über diesen niederschmetternden Kommentar in der Nacht kaum schlafen, wachte aber am nächsten Morgen mit der freudigen und stolzen Erkenntnis auf, endlich als Leistungssportler bewertet worden zu sein. Sein unglückliches Spiel hatte die harsche Kritik hervorgerufen. Auf seine Behinderung wurde hier keinerlei Rücksicht genommen.

Nichts beschreibt den Wunsch der meisten Athleten besser als diese kleine Begebenheit: Sie treten als Sportler an, austrainiert, leistungsfixiert und mit allerhöchsten Erwartungen an sich selbst. Behinderung spielt in ihren Köpfen nur insofern eine Rolle, als sie diese mit bester Physis und modernen technischen Hilfsmitteln ausgleichen wollen. Mittlerweile sind die Ergebnisse nicht nur phänomenal, die Bewegungsabläufe folgen bereits höchsten Gütekriterien der Trainingslehre – vorbildlich zu sehen bei dem Weltrekordsprung auf 7,35 Meter des unterschenkelamputierten Markus Rehm mit einer Federprothese.

In den Paralympics-Tagen von London ertappte man sich selbst dabei, angesichts solcher Ästhetik der Bewegung und Spannung in den Wettkämpfen die Behinderung zu übersehen. Als gäbe es sie nicht mehr. Vielleicht ist das die unabwendbare Folge unserer Art der Berichterstattung: Beschreibung der körperlichen Beeinträchtigung und die daraus abzuleitenden Folgen für jeden einzelnen, dann aber im Hauptsächlichen die sportliche Auseinandersetzung in den Mittelpunkt stellen und ihr viel Raum geben. Schreibenden Kollegen sind wir da offensichtlich um einiges voraus: »Journalisten gehen unheimlich gern auf die Einzelschicksale von behinderten Sportlern ein – und die wiederum finden die Reduzierung in der Regel besonders schlimm.« (Kommunikations- und Medienwissenschaftler Thomas Schierl in Faktor Sport 3/2012).

Seit 2000, als im ZDF die großflächige Darstellung der Paralympics begann, hat die Hauptredaktion Sport ihren Auftrag stets im Sinne der Athleten verstanden. Ziel ist die Emanzipation, also die (konzeptionelle) Gleichbehandlung nichtbehinderter und behinderter Teilnehmer der Olympischen und Paralympischen Spiele. Das mag manchen Zuschauer zunächst erschrecken, wenn, wie im oben genannten Beispiel, so »gefühllos« journalistisch seziert wird – und es mag auch manchen erschrecken, die Menschen in all ihrer Ungelenkheit und mit fehlenden Körperteilen in Großaufnahme präsentiert zu bekommen. Jede Form der verbalen und optischen Beschönigung oder gar »deutscher Betroffenheitspose« (Schriftsteller Maximilian Dorner, Rollstuhlfahrer) wäre aber nichts anderes als jene hyperkorrekte Haltung, die als ebenso manipulativ wie gönnerhaft empfunden werden kann.

Ruprecht Polenz, Vorsitzender des ZDF-Fernsehrats, hat jüngst in einem Interview mit der ZDF-Mitarbeiterzeitschrift Kontakt erklärt: »Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender hat relevant zu sein, was bedeutet: Er muss ein Massenmedium sein, das alle Schichten der Gesellschaft erreicht – altersmäßig, geschlechtsspezifisch, sozial und regional«. Das schließt, so darf angenommen werden, umgekehrt die uneingeschränkte Berücksichtigung all dieser Schichten in Sendungen mit ein. Für den Sport hat sich das ZDF in seiner Selbstverpflichtungserklärung auferlegt, dass neben der Übertragung größerer nationaler und internationaler Wettbewerbe auch die individuellen und gesellschaftlichen Funktionen des Sports aufzugreifen sind.

7,3 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland – das sind immerhin 8,9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihnen kann und muss folglich das Recht zugestanden werden, aus »innerer« Betrachtung – wenn das denn irgend möglich ist –, zumindest mit höchstmöglicher Kenntnis, ihre Lebenswelt, auch die des Leistungssports widerzuspiegeln.

Programmstatistik
So klar statische Kennzahlen erscheinen mögen, so sehr sind gelegentliche Erklärungen und Ergänzungen notwendig.

Übertragungen
Quoten
Ort
         
Sender Länge Gesamt Ø Mio Ø MA
2000 Sydney ARD 07:53 15:56 0,78 9,6
ZDF 08:03 0,66 8,7
2004 Athen ARD 05:03 10:57 0,73 8,4
ZDF 05:54 0,74 7,3
2008 Peking ARD 13:02 30:03 0,90 7,6
ZDF 17:01 0,85 9,1
2012 London ARD 28:05 56:03 0,93 8,8
ZDF 27:58 0,75 8,6
Die Paralympischen Sommerspiele im Quotenüberblick

Die Übersicht verrät ein über Jahre annähernd gleichbleibendes, mittleres Zuschauerinteresse. Da aber die Übertragungen von Beginn an ins Vor- und Nachmittagsprogramm gelegt wurden, ist das zu diesem Zeitpunkt erreichbare Zuschauerpotenzial eher gering – dennoch zum Vorteil eines besseren prozentualen Marktanteils. In diesem Jahr sahen 6,54 Millionen Zuschauer zumindest eine der Sendungen im ZDF, die in der Regel von 10.30 bis 16 Uhr ausgestrahlt wurden. Die ARD hatte kürzere Sendungen drei Mal über den Tag verteilt. Deren Potenzial lag mit 15,96 Millionen um das Zweieinhalbfache höher als das des ZDF. Etwas mehr als ein Viertel der deutschen Gesamtbevölkerung kam demnach auf einem der beiden Sender mit den Paralympics 2012 in Berührung.

Beachtlich ist auch der PAP-Wert1, der mit 9,0 von möglichen zehn Punkten (ARD 8,9) zwar knapp unter dem von vor vier Jahren in Peking rangiert (ZDF 9,2/ARD 9,3), dennoch aber den Sendungen ein fast überragendes Niveau bescheinigt. Bei Kriterien wie »modern/zeitgemäß«, »lebendig-dynamisch«, »unterhaltsam« und »abwechslungsreich« streifen oder erreichen die Beurteilungen die Zehn-Punkte-Grenze.

Im Quervergleich zu den Olympischen Sommerspielen ist ein leicht besseres Ergebnis auszumachen: ARD und ZDF werden dort mit 8,6 bewertet. Zieht man als weitere Bezugsgröße noch den Senderschnitt mit je 8,5 hinzu, erzielen die Paralympics-Sendungen ein überdurchschnittliches Ergebnis.

Damit findet das Gestaltungskonzept eine überaus erfreuliche Bestätigung. Die Angleichung an die Olympia-Übertragungen – besonders erkennbar unter anderem an dem identischen Studio und weiteren, grafischen Elementen – ist gelungen. Die gezielte, ständig aktualisierte Dramaturgie mit einer Mischung aus spannenden Liveabschnitten, gelungenen Reportagen und Hintergrundberichten sowie die Studiogespräche mit den Siegern ist inhaltlich vergleichbar. Nur die erklärenden Beiträge sind anders und ausführlicher wegen der oft recht komplizierten Materie des Behindertensports. Außerdem steht mit Matthias Berg seit nunmehr zwölf Jahren ein Experte bereit, dem es als contergangeschädigtem, mehrfachem Paralympics-Sieger im Sommer und Winter gelingt, die unerlässliche interne Perspektive behinderter Sportler geradezu beispielhaft und sprachgewandt zu vermitteln.

Nicht zu vergessen aber auch die Leidenschaft, mit der alle beteiligten Kolleginnen und Kollegen an den Sendungen mitgewirkt haben. Produktion und Technik – oft senderübergreifend – haben beste Arbeitsvoraussetzungen geschaffen und sorgten für pannenfreie Übertragungen. Und die Redakteure lassen in ihren Bewertungen erkennen, wie wichtig ihnen die Mitarbeit im ZDF-Team mittlerweile geworden ist, einem Team, das seine Stärke aus steigender Fachlichkeit und Kooperationsbereitschaft bezieht.

Aus vielen Programmhöhepunkten ragte gleich am ersten Sendetag des ZDF das Studiogespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck heraus. Sichtlich engagiert hob er die Haltung von Behindertensportlern als Symbol für unser Dasein in unserer politischen Welt heraus. Viele Menschen würden die Zeiten und Politiker als schlecht bezeichnen, erlahmen und nicht zur Wahl gehen. Sportler mit Behinderung dagegen würden an ihre Leistungsgrenzen gehen, ihre Möglichkeiten erkennen, erweitern und sich trotz ungenügender Lebensumstände engagieren.

Im Frühjahr 2014 werden die Winter-Paralympics im russischen Sotschi ausgetragen. Das ZDF wird wieder mit dabei sein. Aus mehrfacher Überzeugung!

Auszüge aus dem Studiointerview mit Bundespräsident Joachim Gauck am 30. September 2012 in »ZDF Paralympics live«. Darin mahnte er Respekt vor Menschen an, die Hochleistungen brächten und sich noch mehr anstrengen müssten als andere Leistungssportler:
»Deren Leben ist nun weiß Gott nicht rosig, sondern sie haben ein deutliches Handicap, und dann machen sie etwas daraus und gehen an ihre Leistungsgrenzen, erweitern diese Leistungsgrenzen, und sie werden dabei nicht unglücklicher, sondern sie haben total großartige Lebensgefühle und zeigen damit, dass nicht das Dasein im Mangel oder mit einer Behinderung etwas ist, was uns dauernd binden muss an schlechte Gefühle. Und darum denke ich, dass diese Sportler mit ihrem Leistungsvermögen auch ein Symbol sind für unsere Definition: Wie verstehen wir unser Leben? Sind wir nur betrübt über die Mängel oder engagieren wir uns? Behindertensportler sind Botschafter für die Möglichkeiten, die in uns stecken, sie zu sehen und nicht nur zu sagen: Ich bin ja eigentlich ganz begabt mit allem, sondern mit den Mitteln, die ich habe, mich einzubringen und meine Potenziale zu erkennen und zu erweitern. (…) Die Paralympics im Vergleich zu den Olympischen Spielen: Es reißt mich mehr mit, will ich Ihnen sagen. Es ist einfach für mich noch faszinierender, diesen Mut dieser Menschen zu sehen und auch dieses ›Ja‹ zu einem Leben, das nicht perfekt ist. Aber es ist mein Leben, und ich will es gestalten! Das ist toll!«

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