2011
Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF
Peter Hardt, Geschäftsbereich Produktions- und Sendebetrieb/Leiter der Projekte »File-Transfer« und »MINT«
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Fernsehen ist ein technisches Medium und unterliegt der fortlaufenden Weiterentwicklung. Mit der »Digitalisierung des Fernsehens« hat bereits vor einigen Jahren ein technologischer Umbruch begonnen, der weitreichende Veränderungen für die Herstellung und Verbreitung von Programminhalten mit sich bringt. Das Projekt »MINT« (Medien Integrierende Netzwerk Technologie) verfolgt das Ziel, die Herstellungsprozesse von Programminhalten in eine global vernetzte Produktionslandschaft zu überführen und den Weg des ZDF in eine multimediale Zukunft zu unterstützen.

Der ZDF-Staatsvertrag beschreibt die Geschäftsgrundlage des ZDF, und darin heißt es unter anderem: »Das ZDF veranstaltet Fernsehen.« Nun ist das Fernsehen ein technisches Medium, das sich auf der Grundlage elektronischer Verfahren zur Übertragung von bewegtem Bild und Ton etabliert hat. So wie alle technischen Erfindungen unterliegt auch das Fernsehen einer unaufhaltsam fortlaufenden Weiterentwicklung. Diesem Zusammenhang trägt der ZDF-Staatsvertrag Rechnung, indem es weiter heißt: »Dazu gehört seine (des ZDF) Teilhabe an den neuen technischen Möglichkeiten in der Herstellung und zur Verbreitung sowie die Möglichkeit der Veranstaltung neuer Formen von Fernsehen.«

Technologische Neuerungen und technische Entwicklungen treiben mit zunehmender Geschwindigkeit den Wandel des Fernsehens voran. Die Herstellung von Programminhalten ist hiervon ebenso betroffen wie die technischen Verfahren zu deren Verbreitung. Mit der »Digitalisierung des Fernsehens« hat sich in den letzten Jahren ein technologischer Wandel vollzogen, der Gegenwart und Zukunft der Programmherstellung und -verbreitung nachhaltig bestimmt. Seit mehr als 15 Jahren werden Fernsehbilder nicht mehr in Form analoger elektrischer Ströme, sondern als digitale Signale, also in Form von Zahlenfolgen, übertragen. In der Folge war es nur noch eine Frage der Zeit, wann technische Geräte aus dem Bereich der Datenverarbeitung – nämlich Computer, deren ureigenste Bestimmung darauf beruht, mit Zahlenfolgen umzugehen –, leistungsfähig genug sein würden, um die Ver- und Bearbeitung von Videomaterial zu übernehmen. Vernetzte Bearbeitungscomputer und Speichersysteme dominieren inzwischen die Technik in den einzelnen Bereichen der Fernsehproduktion. Technologien wie analoge Fernsehsignale oder Videokassetten gehören einem längst vergangenen Zeitalter des Fernsehens an. Dennoch spielen sie für den bereichsübergreifenden Austausch und die Aufbewahrung von Produktionsmaterial noch immer eine ausschlaggebende Rolle bei der Herstellung von Fernsehprogrammen. Bevor nun diese Relikte der klassischen Fernsehproduktion endgültig ausgestorben sind, gilt es rechtzeitig – auf der Grundlage moderner Computer-, Speicher- und Netzwerktechnologien –, die Funktionen und Werkzeuge bereitzustellen, die in einer vernetzten Produktionslandschaft zum Austausch und zur Aufbewahrung von Produktionsmaterial benötigt werden.

Im ZDF arbeiten heute mehr als 2 000 festangestellte Redakteure, Produktionsmanager, Mediengestalter und Techniker täglich an der Programmherstellung. Es ist eine Aufgabe der Produktionsdirektion, die künftige Produktionsfähigkeit des ZDF sicherzustellen und diese technischen Alternativen erfolgreich zu etablieren. Flexibilität, Geschwindigkeit und Effizienz bei der Herstellung von Programmbeiträgen stehen im Mittelpunkt bei der Einführung produktionsunterstützender Systeme. Im ZDF wurde hierzu das Entwicklungsprojekt »MINT« (Medien Integrierende Netzwerk Technologie) auf den Weg gebracht.

Auch die technischen Möglichkeiten zur Verbreitung von Programminhalten und Begleitinformationen haben sich im Zuge der »Digitalisierung des Fernsehens« weiterentwickelt. Die Abschaltung der analogen Fernsehausstrahlung im Jahr 2012 setzt hier ein deutliches Zeichen. Neben der digitalen Ausstrahlung des Hauptprogramms und der Partnerkanäle (3sat, ARTE, PHOENIX, KI.KA) ergänzen zusätzliche »Digitalprogramme« die Senderfamilie des ZDF (ZDFneo, ZDFinfo, ZDFkultur). Mit der zunehmenden Verbreitung des Internets eröffnen sich darüber hinaus neue Publikationswege für multimediale Inhalte, wie beispielsweise die ZDFmediathek für das Fernsehen auf Abruf (Video-on-Demand) oder die Internetportale für programmbegleitende Informationen.

Die gleichzeitige, mehrfache Verwertung von Video, Bild, Ton und Grafik sowie begleitender Informationen für unterschiedliche Herstellungsformen und Publikationswege gewinnt für das ZDF eine ausschlaggebende Bedeutung. Medienobjekte und Begleitdaten müssen zentral erfasst und recherchierbar für die Herstellung und Aufbereitung von Programminhalten bereitgestellt werden. Hieraus ergeben sich Anforderungen an die technische Produktionslandschaft, denen die klassische Fernsehtechnik nicht gerecht werden kann. Lösungsansätze auf der Grundlage übergreifend vernetzter, fernsehtechnischer Computersysteme und Datenspeicher sind gefragt und im Rahmen des Projekts »MINT« umzusetzen.

Die Herstellung und Verbreitung von Programminhalten wird gesteuert und begleitet von Planungs- und Verwaltungsfunktionen. Computersysteme unterstützen diese Aufgaben von der Programm- und Sendungsplanung über die Rechteverwaltung bis hin zum Sendeprotokoll und zur Leistungsverrechnung. In zentralen Datenbanken werden dabei wichtige Informationen zu Arbeitsabläufen und zum Produktionsmaterial gesammelt, die für den eigentlichen Herstellungsprozess von Bedeutung sind, hier aber nicht unmittelbar zur Verfügung stehen. Die so genannte Produktionsnummer ist häufig der Schlüssel für die Verbindung zwischen dem Produktionsmaterial und den zugehörigen Informationen in Planungs- und Verwaltungssystemen. Sie begleitet via Telefon, Papierformular, Notizzettel und Aufkleber die Herstellung von Programminhalten. Eine technische Verknüpfung der Produktionssysteme mit den Planungs- und Verwaltungssystemen würde das übergreifende Zusammenspiel deutlich verbessern.

Diesem Anspruch genügen Systeme der klassischen Fernsehtechnik bei weitem nicht. Das Produktionsmaterial liegt auf Videokassette vor und kann bestenfalls über einen Aufkleber beschriftet und gekennzeichnet werden. Ist Material jedoch erst einmal in Form einer Mediendatei gespeichert, die innerhalb einer vernetzten Produktionslandschaft verwaltet, verarbeitet und zur Publikation bereitgestellt wird, dann eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten zur automatisierten Verknüpfung der technischen Planungs-, Verwaltungs- und Produktionssysteme. Beispielsweise kann ein Journalist an seinem Arbeitsplatz nicht nur das Videomaterial anschauen, sondern auch gleich sehen, woher es kommt, wer es wann gedreht hat, für welche Publikationsform und zu welchen Kosten es verwendet werden kann. Hier wird das Projekt »MINT« in der Produktionslandschaft des ZDF die technischen Voraussetzungen zur Verknüpfung von Planungs-, Verwaltungs- und Produktionsabläufen schaffen.

Die Entwicklung einer vernetzten Produktionslandschaft des ZDF, die mit der »Digitalisierung des Fernsehens« vor vielen Jahren begann, wird mit dem Projekt »MINT«, das nachfolgend näher beschrieben wird, weiter verfolgt. Es ist ein wichtiger Schritt des ZDF zu der im Staatsvertrag formulierten »Teilhabe an den neuen technischen Möglichkeiten in der Herstellung und zur Verbreitung sowie die Möglichkeit der Veranstaltung neuer Formen von Fernsehen«.

Andreas Bereczky

Konzeption und Realisierung

Seit einigen Jahren dominieren in allen Bereichen der Programmherstellung vernetzte Computersysteme das Produktionsgeschehen. Wenn es jedoch darum geht, Produktionsmaterial aufzubewahren oder zwischen den Bereichen auszutauschen, dann spielen klassische Fernsehleitungen und Videokassetten noch immer eine ausschlaggebende Rolle für die Herstellungsabläufe. Nun vollzieht sich die Herstellung von Fernsehprogramm, unabhängig von der verwendeten Technologie, in einem jeweils gleichen Produktionsablauf: der Aufnahme, Bearbeitung und Sendung von Bild- und Tonmaterial. Ganz gleich, wie groß ein Produktionsbetrieb ist und unabhängig von den mehr oder weniger komplizierten Bearbeitungsschritten in den einzelnen Produktionsbereichen, findet sich immer wieder diese Herstellungsfolge. Das Zusammenspiel und die Arbeitsweise der Produktionsbereiche werden jedoch nachhaltig von den technischen Systemen bestimmt, die zur Verfügung stehen. Hier zeigt sich deutlich ein Problem, das ein grundsätzlicher technologischer Wandel mit sich bringt. Unterschiedliche technische Systeme behindern geradlinige Produktionsabläufe und den bereichsübergreifenden Austausch von Produktionsmaterial innerhalb einer Produktionslandschaft. Es wird daher mit dem Projekt »MINT« das konzeptionelle Ziel verfolgt, die Produktionsabläufe im ZDF auf der Grundlage moderner Technologien soweit zu unterstützen, dass herkömmliche und zunehmend veraltete Techniken nicht mehr gebraucht werden. Was bedeutet das im Einzelnen und welche Baustellen ergeben sich daraus?

Betrachtet man die Entwicklung moderner Kameras, dann zeigt sich, dass Speicherkarten die klassischen Videokassetten als Aufnahmemedium verdrängt haben. Die »Drehkassetten« konnte der Journalist vom Drehort mitnehmen. Er konnte das Material mit Videorekordern anschauen und schließlich dem Cutter zur Schnittbearbeitung mitbringen. Speicherkarten sind wesentlich teurer als Videokassetten und müssen in der Regel zur Wiederverwendung beim Kamerateam bleiben. Das Drehmaterial wird deshalb von den Speicherkarten auf zentrale Speicher kopiert. Über das Netzwerk kann der Journalist das Drehmaterial an seinem Bürocomputer anschauen und als Rohmaterial zur Schnittbearbeitung bereitstellen lassen. Ein entsprechendes System zur Einspielung, Recherche und Verteilung von Drehmaterial wurde Ende 2010 in der ZDF Sendezentrale in Betrieb genommen. Es ist eine Voraussetzung für den Einsatz moderner Kameras in der Sendezentrale und bildet die Grundlage zur künftigen Handhabung von Drehmaterial in der Produktionslandschaft des ZDF. Im Pilotbetrieb werden neue Arbeitsabläufe entwickelt, erprobt und in den Regelbetrieb überführt.

Nach der Verarbeitung des Rohmaterials zum sendefertigen Beitrag können die »Drehkassetten« zur wiederholten Verwendung beim Journalisten verbleiben. Auf diese Weise sind im Laufe der Jahre Materialsammlungen in den Redaktionsbüros entstanden. In der Regel sind diese »Hand- oder Fensterbankarchive« schlecht dokumentiert, haben aber zur zeitlich begrenzten Aufbewahrung von Produktionsmaterial eine hohe Bedeutung für die journalistische Arbeit. Mit der Einführung von Speicherkarten in den Kameras stehen die »Drehkassetten« nicht mehr zur Verfügung, und das Material muss zur Aufbewahrung in den »Hand- oder Fensterbankarchiven« nachträglich auf Videokassetten kopiert werden. Um diese zeitraubenden Kopierarbeiten zu verhindern, bedarf es der Einrichtung von vernetzten Speichersystemen für die zeitlich begrenzte Aufbewahrung von Rohmaterial. Die Sichtung, Verwaltung und Beschreibung dieses Materials muss an den Bürocomputern der Journalisten ebenso möglich sein wie die Bereitstellung des Materials zur Verwendung in den Produktionsbereichen oder zur Überführung in das Langzeitarchiv des ZDF (DAS, Digitales Archiv System). Anfang 2012 wird im ZDF ein recherchierbares »Handarchiv« für den Pilotbetrieb zur Verfügung stehen. Damit werden die Abläufe und Anforderungen, die sich aus unterschiedlichen Produktionsformen ergeben, zu entwickeln und in den Regelbetrieb zu überführen sein.

Der internationale Programmaustausch mit anderen Rundfunkanstalten, beispielsweise über die EBU (Europäische Broadcasting Union), und das Angebot von Agenturen sind eine wichtige Quelle für Bild- und Tonmaterial. In der Regel erfolgt die Zulieferung dieses Materials über klassische Fernsehleitungen, die Bild- und Tonsignale werden aufgezeichnet. Hier deutet sich eine grundsätzliche Veränderung an. Erste Agenturen haben die Verteilung ihres Materials über Fernsehleitungen bereits eingestellt, und in absehbarer Zeit wird die Zulieferung von externem Produktionsmaterial ausschließlich über spezielle Datennetzwerke oder über das Internet erfolgen. Ein »Medienportal« wird im ZDF das zugelieferte Material übernehmen und die manuelle Aufzeichnung von EBU- oder Agentursignalen schrittweise ablösen. Alle Produktionsmaterialien werden zur redaktionellen Recherche und zur Verwendung in der Produktionslandschaft des ZDF bereitgestellt. Es ist vorgesehen, die Abläufe und Anforderungen im Pilotbetrieb zu entwickeln.

Die ZDF-Produktionslandschaft umfasst neben der Sendezentrale in Mainz und dem Hauptstadtstudio in Berlin auch alle anderen Außenstudios und Produktionsstandorte des ZDF. Alle Funktionen und Werkzeuge einer vernetzten Produktionslandschaft sowie das gesamte Produktions- und Sendematerial sollen künftig unabhängig vom Produktionsstandort in gleicher Weise zur Verfügung stehen. Im Landesstudio Bayern wurde deshalb 2011 ein erstes dezentrales »MINT«-System mit dem zentralen System des ZDF in Mainz verknüpft. In den kommenden Jahren ist die sukzessive Anbindung aller Produktionsstandorte des ZDF vorgesehen.

Mit den modularen Komponenten des »MINT«-Systems ist eine erste Basis für die vernetzte Produktionslandschaft des ZDF entstanden, die in Zukunft weiter ausgebaut wird. Ziel ist es, schrittweise alle Produktionsabläufe im ZDF in eine vernetzte Produktionsweise zu überführen. Darüber hinaus eröffnen sich noch deutlich weitreichendere Zukunftsperspektiven. Mit der Bereitstellung von Produktionsmaterial, das als Mediendatei innerhalb einer vernetzten Produktionslandschaft vorliegt, ist die technische Grundlage für eine Zusammenführung von Planungs-, Verwaltungs- und Produktionssystemen gelegt. Hier gilt es, die Informationen, die im Zusammenhang mit der Planung, Verwaltung, Disposition, Abrechnung und Rechteverwaltung entstehen, mit dem Produktionsmaterial zu verknüpfen. Im Rahmen eines zunehmend komplizierteren Produktionsgeschehens wird es zukünftig notwendig sein, die multimediale Verwertung von Produktions- und Sendematerial bestmöglich zu unterstützen.

Peter Hardt

Andreas Bereczky
Peter Hardt
Der Produktionsablauf, die technologischen Veränderungen und der Einzugsbereich des Projekts »MINT«
Die Bildschirmoberfläche zur Recherche von Produktionsmaterial in »MINT«
»MINT« in der Produktionsumgebung des ZDF
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