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Matthias Haedecke, Leiter des Geschäftsfeldes Bildgestaltung, Produktionsdirektion

»24 Stunden Südafrika«
Das Unmögliche wird möglich

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Matthias Haedecke
Matthias Haedecke



Lulu Xingwana im Schneideraum
Lulu Xingwana im Schneideraum


Die »Timeline«
Die »Timeline«
 

400 Stunden Drehmaterial
------------------------------------ = »24 Stunden Südafrika«
300 Tage Schnitt + Tonsynchro

Eine Gleichung, die allen Kolleginnen und Kollegen im Geschäftsfeld Bildgestaltung nicht plausibel erschien, als der Plan an uns herangetragen wurde, die gesamte Post­produktion für eine 24 Stunden lange Re­portage für den ZDFinfokanal innerhalb von drei Monaten durchzuführen. Aber natürlich haben wir die Herausforderung begeistert angenommen.

»May I have a copy ?« – ein Satz, der im Schneideraum von Cutterin Eva Littau große Erleichterung auslöste. Lulu Xingwana, die Ministerin für Kunst und Kultur der Republik Südafrika höchstpersönlich war gekommen, um sich die ersten Ergebnisse von »24 Stunden Südafrika« anzuschauen. Und wer könnte besser beurteilen, ob die Produktion den Charakter ihres Landes wiedergibt als die höchste Repräsentantin der südafrikanischen Kultur? Eva hatte den Schneideraum extra mit einer Südafrika­flagge aus dem Fundus verschönert, doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Die Ministerin war sichtlich angetan und versuchte sich im Erraten der Drehorte, die sie natürlich fast alle kannte. Die Macher der Reihe waren erleichtert und aufs Neue motiviert. Dennnoch lag eine beträchtliche Strecke Wegs vor ihnen. Der »Tag« war noch längst nicht vollständig geschnitten und der Sendetermin, der 5. Juni 2010, rückte bedrohlich näher.

Als Claudia Ruete1 uns Ende 2009 vom Projekt erzählte, war meine erste Reaktion: Das ist eigentlich unmöglich. Denn die Produktion sollte nicht nur »24 Stunden« heißen, sie sollte auch wirklich 24 Stunden Sendezeit dauern, und das bedeutete eine nie dagewesene technische und logistische Herausforderung, die es zudem binnen kürzester Frist zu stemmen galt. Natürlich sollten die »24 Stunden« im Vorfeld der Fußball-WM laufen, und bis dahin war es kaum mehr als ein halbes Jahr hin. Aber nachdem die Teamleiter von Schnitt und Ton, Sabine Engelhardt und Bruno Hebestreit, erst einmal kräftig schlucken mussten, sagten sie mutig ja. Zu erwarten waren mehr als 400 Stunden Material, die es zu verwalten und zu verdichten galt. Für den Feinschnitt fielen dann elf Schnitttage an – für jede geplante Sendestunde. Das heißt, jedes Schnittteam, bestehend aus Cutter und Autor, hatte drei Stunden des magischen Tages vor sich, und es musste Kapazität für 264 Schnitttage geschaffen werden. Sabine Engelhardt und die Redaktion erstellten einen ausgeklügelten Plan, der vorsah, dass acht Cutterinnen und Cutter in acht zum Teil vernetzten Schneideräumen vom Tagesgeschäft freigestellt werden mussten, um ausschließlich für die »24 Stunden« zur Verfügung zu stehen.

Eigentlich ist der Bereich Schnitt ohnehin sehr gut ausgelastet, sodass Arbeit mindestens im Zweischichtbetrieb zu erwarten war. Nach Schnittende würde dann die Fackel an die Tonsynchro weitergegeben werden, die das Großprojekt ebenfalls neben ihren Tagesaufgaben würde stemmen müssen. Schließlich mischten sieben Toningenieure 300 Arbeitsstunden lang in bis zu drei Synchroregieräumen parallel. Zwei Hauptsprecher und sechs Nebensprecher meisterten die Marathonstrecke mit Bravour. Und am Ende lag da ein echtes Mammutwerk, das es in solchen Ausmaßen im ZDF, und wahrscheinlich so auch in keinem anderen deutschen Fernsehsender, je gegeben hatte.

Für Redaktion und Sender bedeuteten die »24 Stunden« einen erstklassig monothematisch gefüllten Sendetag, doch für das Geschäftsfeld Bildgestaltung war diese Produktion sogar noch mehr. Die Ausmaße des Projektes waren nicht ohne außergewöhnlichen Teamgeist zu meistern. Um die enge redaktionelle Betreuung der verschiedenen Schneideräume zu gewährleisten, wurde ein eigener Raum im Schnittflur eingerichtet. Regisseur Lukas Schmid war hier für die Kollegen stets erreichbar und ansprechbar. Auch die Cutterinnen und Cutter untereinander mussten sich aufs engste mit Kolleginnen und Kollegen abstimmen, um am Ende ein homogenes Gesamtwerk zu präsentieren. Das schränkte die jeweiligen Möglichkeiten der individuellen Bildsprache, die jedem Cutter eigen ist, ein. Kompromisse waren zwingend notwendig.

Auf der anderen Seite boten sich visuelle Gelegenheiten, die manche schon lange vermisst hatten. Zum Beispiel, endlich mal wieder eine Szene stehen zu lassen: Zwei, drei oder sogar fünf Minuten – ohne dass ein nervöser Autor oder Redakteur entgeistert auf die begrenzte Sendezeit verwies. In seinem Ausmaß zog die Produktion auch viel Aufmerksamkeit aus dem Kollegenkreis nach sich. Denn über Wochen ertönten südafrikanische Musikklänge über die Schnittflure, und selbst ein kurzer Blick auf die Monitore zeigte die faszinierende Schönheit des Landes an der Südspitze Afrikas. An einem Abend schmetterten Cutterin Kirstin Weber und die Übersetzerin sogar die Nationalhymne Südafrikas. »Was macht ihr da eigentlich?«, diese Frage hörten die angehenden »Südafrikaner« in den Schneideräumen immer häufiger.

Viele der Fragen aus dem Kollegenkreis konnten wir mit der Ausstellung »Die längste Timeline der Welt« beantworten. Cutter Klaus Eichler hatte die Idee, das Großprojekt in einem neun Meter langen Ausdruck zu visualisieren, bei dessen Realisierung uns das Geschäftsfeld Design und das Team der Bühne tatkräftig unterstützten. Diese »Konstruktionszeichnung« der Sendung wirkt für sich als grafisches Kunstwerk und zeigt auf verschiedenfarbigen Ebenen die von den Cuttern gestalteten Video- und Tonspuren. Hier lassen sich auch die unterschiedlichen Handschriften gut erkennen, und es wird auch für Laien nachvollziehbar, wie sich die Sendung in ihrer kaum vorstellbaren Länge zusammensetzt. Die Ausstellung am Beginn der Schnittflure hat das Interesse und auch das Verständnis für die Arbeit des Geschäftsfeldes Design auch bei denjenigen Kolleginnen und Kollegen geweckt, die mit der Postproduktion sonst wenig zu tun haben. Auch ein Effekt, der uns sehr freut.

Die »24 Stunden Südafrika« haben für die Cutter, die Tonmeister, die Schnitt-Disponenten, die behutsam das »normale Geschäft« um die Südafrikaner herum platzierten, und die Systembetreuer erst einmal eine große Herausforderung dargestellt. Sie alle standen vor einem Berg, dessen wahre Höhe zu Anfang kaum absehbar war. Doch am Ende hat sich gerade diese Produktion für alle zu einer großen Bereicherung entwickelt. Ob wir in vier Jahren dabei sein möchten, wenn es vor der Fußball-Weltmeisterschaft heißen sollte: »24 Stunden Brasilien«? Mit Sicherheit ja.
1 Claudia Ruete und Peter Wagner schildern die redaktionelle Sicht auf diese Produktion.
 
 
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