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Heiko Holefleisch, Koordinator ARTE

ARTE wird 20
Kompetenz und Kreativität unter einem Dach

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Heiko Holefleisch
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»Metropolis«: Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) erschafft den Maschinenmenschent
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»Durch die Nacht mit ...«: Wolfgang Joop und Bill Kaulitz in Paris
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»Armadillo«: der dänische Soldat Lars Skree beim Kampfeinsatz in Afghanistan
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ARTE feiert – und sucht selbst nach 20 Jahren gelegentlich noch sein Gleichgewicht. Im Tauziehen zwischen Qualität und Quote dauerhaft Position zu beziehen, erfordert Mut, Ideen und Standfestigkeit. Und Gelassenheit.

ARTE – das war fast 20 Jahre lang dasselbe Bild zur selben Zeit in beiden Ländern. Als im Januar 2010 begonnen wurde, das ARTE-Programm in der Primetime in Deutschland und Frankreich – angeglichen an die unterschiedlichen Sehgewohnheiten – zeitversetzt auszustrahlen, galt dies nicht wenigen im ARTE-Kosmos als Menetekel, als Anfang vom Ende. Aber war diese so heftig umstrittene Maßnahme nicht überfälliges Signal gewachsener Selbstverständlichkeiten, viel eher also das Ende vom Anfang?

Immerhin wird ARTE, dieses beachtliche und einmalige Projekt eines Fernsehprogramms für zwei Nationen, 20 Jahre alt. Am 2. Oktober 2010 jährte sich die Unterzeichnung des zwischenstaatlichen Vertrages zwischen der französischen Republik und den damals noch elf deutschen Ländern. ARTE feierte dies in Paris mit der französischen Erstaufführung von Fritz Langs rekonstruiertem und vervollständigtem deutschen Stummfilmklassiker »Metropolis« im Théâtre du Châtelet. Im Frühjahr 1991 waren dann die Gründung der ARTE Deutschland TV GmbH und der Gemeinschaftseinrichtung in Straßburg gefolgt. Und am 30. Mai 2012 jährt sich schließlich zum 20. Mal der Tag, an dem ARTE den Sendebetrieb aufnahm, noch weit davon entfernt, ein 24-Stunden-Sender zu sein. Rückblickend darf man, muss man ARTE eine ungebrochene Erfolgsgeschichte bescheinigen. Und dennoch hat ARTE auch nach 20 Jahren eine Grundspannung, eine gelegentlich verstörende Nervosität nicht abgelegt. Das Ende vom Anfang? Der Anfang vom Ende?

Nie zuvor war das Konkurrenzangebot auf dem TV-Markt so groß, der Druck, demselben standzuhalten, so mächtig, nie zuvor stand die Diskussion um Legitimation und Selbstverständnis des öffentlich-rechtlichen Fernsehens stärker im Blickpunkt. Zu unterschiedlich sind dabei die aktuellen Bedingungen, die medialen Entwicklungen in Deutschland und Frankreich: In Deutschland ist ARTE stabil, sehr anerkannt, nicht ohne Erfolg auch in den Quoten. In Frankreich jedoch, wo ARTE über viele Jahre gerade einmal einer von sieben war, haben die neuen, seit 2005 entstandenen digitalen Kanäle mittlerweile bereits einen Marktanteil von 34 Prozent erobert, zu Lasten aller etablierten Sender, auch zu Lasten von ARTE. Generelle wirtschaftliche Zwänge, medienpolitische Weichenstellungen gerade in Frankreich, verbunden mit einer beobachteten und mehr noch befürchteten Re-Nationalisierung europäischer Politik, verunsichern.

Dabei ist ARTE bestens gerüstet – übrigens auch dank der besonderen französischen Leidenschaft für technologische Innovation, für jegliche Form der Erneuerung. Gerade in den letzten beiden Jahren hat ARTE unter Beweis stellen können, welche kollektive Kraft, welcher kreative Schub in dieser deutsch-französischen Maschinerie stecken kann. Auch heute noch bietet ARTE ein auf dem europäischen Markt einzigartiges Programm. Noch immer ist die Marke ARTE ein Synonym für hochwertiges verantwortungsvolles Fernsehen, steht sie für Innovation.

Bereits im Jahr 2008 begann ARTE als erster öffentlich-rechtlicher Sender mit einer Systematisierung seines HDTV-Angebots. Jahr für Jahr stieg der Anteil nativer HD-Programme um 30 Prozent, sodass im Jahr 2010 im Tagesdurchschnitt sieben Stunden natives HD-Programm auf ARTE zu sehen war.

Trendsetter war ARTE auch mit seiner Onlineplattform ARTE+7, die den Zuschauern die Möglichkeit gibt, bis zu sieben Tage nach der TV-Ausstrahlung auf eine Sendung zuzugreifen. 65 Prozent des ARTE-Fernsehprogramms waren im Jahr 2010 schon auf diese Weise on demand abrufbar. ARTE+7 trägt veränderten Nutzungsgewohnheiten Rechnung, was mehr als zwei Millionen Videoabrufe pro Monat belegen.

Starke Partnerschaften, neue Wege der Verbreitung und die Vervielfachung eines kulturellen, qualitativ konkurrenzlosen Programmangebots kennzeichnen ARTE Live Web, die Performing-Arts-Seite von ARTE. Theater, Festivals und Konzertveranstalter haben das Potenzial erkannt und leisten ihren Beitrag zu einem lebendigen Auftritt. Auch solche kulturellen Veranstaltungen, die im Fernsehen sonst keinen Platz fänden, können so einem großen Publikum zugänglich gemacht werden. Allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2010 wurden dort 541 Konzerte, darunter 216 Liveaufzeichnungen online gestellt und blieben einen bis sechs Monate verfügbar.

Das Talenthaus ARTE wird zukünftig auch als Werkstatt und Marktplatz der Kreativität wahrgenommen werden. Wenn nämlich ab Februar 2011 die interaktive Plattform ARTE Creative das Angebot des Senders vervollständigt. ARTE Creative wird ein redaktionell betreutes internationales Netzwerk für junge Künstler und Kulturschaffende sein, das herausragende Arbeiten aller kreativen Felder, von der aktuellen Kunstszene über Popkultur bis hin zu Design und Architektur vorstellt und miteinander verknüpft. Hochschulen, Festivals, Museen sind die interessierten Partner und werden Teil einer lebendigen ARTE-Community werden. Das Beste wird seinen Weg in den Sender selbst finden.

Auch im Jahr eins nach 20 wird es, jedem vorgeblichen oder realen Legitimations- oder Quotendruck trotzend, keinen Abriss, keine Diskrepanz zwischen dem engagierten Gesamtauftritt des Unternehmens und seinem realen Angebot auf dem Schirm selbst geben können. Dort wird ARTE gesehen, und dort hat es 2010 Bemerkenswertes geleistet.

Nie zuvor in der von Preisen und Auszeichnungen durchaus verwöhnten Geschichte von ARTE ist es gelungen, mit seinen internationalen Koproduktionen im selben Jahr sowohl den Goldenen Bären als auch die Goldene Palme zu erringen. Anfang des Jahres hatte der türkische Film »Bal – Honig« von Semih Kaplanoglu bereits den höchsten Preis der Berlinale erhalten. Die bedeutendste Auszeichnung aus Frankreich wurde dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul für seinen Film »Uncle Boonmee who can recall his past lives« zugesprochen. Beide Filme stehen zudem, gemeinsam mit drei weiteren internationalen Spielfilm-Koproduktionen von ZDF/ARTE, auf der Pre-Nominierungsliste für den Oscar als »Bester fremdsprachiger Film 2010«. Mit dem Grand Prix de la Semaine de la Critique wurde in Cannes der dänische Afghanistan-Dokumentarfilm »Armadillo« von Janus Metz ausgezeichnet.

Zwei der zahlreichen Liveereignisse des Jahres stehen exemplarisch für das große Spektrum, Kompetenz und Kreativität, die ARTE charakterisiert und befördert: die Welturaufführung des vervollständigten Stummfilms »Metropolis« zeitgleich in Berlin und Frankfurt sowie live übertragen von der Berlinale am 12. Februar. Und die Übertragung der Uraufführung von Jens Joneleits und René Polleschs Oper »Metanoia. Über das Denken hinaus« aus dem Berliner Schillertheater unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim und in der Inszenierung von Christoph Schlingensief, der wenige Tage zuvor verstorben war. Auch diese beiden ARTE-Programme sind ZDF-Einbringungen.

Seit nunmehr 20 Jahren bietet ARTE internationale Koproduktionen, Autorenfilme, Schwerpunkte und Themenabende, Dokumentationen sowie kreative Formate, die dem Zuschauer einen neuen Blick auf Europa, die Kultur und das Leben verschaffen. ARTE informiert, belebt, bereichert. Dies gilt es zu bewahren. Daher darf ein Jubiläum auch die Leistungen der Vergangenheit herausstellen. 18 internationale ARTE-Koproduktionen aus den letzten fünf Jahren, ausgezeichnete Hervorbringungen des Autorenkinos, für das ARTE stets stritt und erste Adresse war, wurden daher in den letzten beiden Novemberwochen des Jahres 2010 zur TV-Erstausstrahlung gebracht. Diese Bilanz ist zugleich Ansporn.

Bernard-Henri Lévy, französischer Publizist und Philosoph, übertrieb im Jubiläumstaumel des Herbstes 2010 schrecklich maßlos und schön: »ARTE ist […] ein Lebensraum von Künstlern, eine Werkstatt der möglichen Kreation, ein Reservoir der Formen, eine Republik des Geistes. […] Man muss ARTE verteidigen und erstrahlen lassen. Man muss diesen unwahrscheinlichen Körper, der so etwas wie das Haupt des kranken Mannes ist, den man heute Europa nennt, schützen und bei Kräften halten.« Auf Deutsch gesagt: Es ist noch nichts verloren.
 
 
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