ZDF.de
                Kontakt    
Suche
Erweiterte Suche
 
2010  
ZDF Jahrbuch
Programmfamilie und Partnerschaften
Daniel Fiedler
Heiko Holefleisch
Nicole Keeb
Wolfgang Bergmann
Alexander Coridaß
Christoph Minhoff
Jutta Lieck-Klenke
Willi Steul

Wolfgang Bergmann, Koordinator ZDFtheaterkanal

Kultur und Passion ...
oder: Das Kunstkatastrophenpanoptikum

PDF 
 
Wolfgang Bergmann
Wolfgang Bergmann



»Die schönsten Opern aller Zeiten- Finalshow«: Mirjam Weichselbraun und Jonas Frank beim Voting
»Die schönsten Opern aller Zeiten- Finalshow«: Mirjam Weichselbraun und Jonas Frank beim Voting


»Pitié« in Kinshasa: Quan Bui Ngoc als Jesus
»Pitié« in Kinshasa: Quan Bui Ngoc als Jesus


»Kasimir und Karoline«: Golo Euler und Christina Hecke
»Kasimir und Karoline«: Golo Euler und Christina Hecke


Tanztheater von Pina Bausch
Tanztheater von Pina Bausch


Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief
 

Mit den »schönsten Opern aller Zeiten« hat der ZDFtheaterkanal gleich zum Jahresauftakt einen beachtlichen Programmerfolg feiern dürfen. Kultur kann, darf, muss aber nicht unterhaltend sein, und mitunter wird sie zur Passion im doppelten Sinne des Wortes.

Die Leichtigkeitslüge
So überschreibt Holger Noltze ein lesenswertes, unlängst in der edition Körber-Stiftung erschienenes Büchlein. Er schreibt über Musik, Medien und Komplexität. Dabei geht er im Grunde von einer einfachen These aus, die der Komiker und Volksschauspieler Karl Valentin einst unübertroffen und deshalb viel zitiert auf den Punkt gebracht hat: »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.« Dem stellt Noltze den Bekömmlichkeitswahn der avancierten Mediengesellschaft entgegen, die dazu neigt, die Dinge bis zur Unkenntlichkeit zu vereinfachen, um sie damit für eine möglichst große Zahl von Zuschauern oder Zuhörern zugänglich zu machen. Ästhetische Wahrnehmung jedoch auf ein bloßes Vermittlungsproblem herunterzubrechen, erscheint dem Autor zu kurz gegriffen. Es erfordert eine gewisse Anstrengung, zusammen mit einer Mischung aus Kompetenz und Übung, bestimmte Formen kultivierter Artikulation zu begreifen und ihre Schönheit zu ermessen. Und die Medien scheuen genau diese Anstrengung wie der Teufel das Weihwasser. Vor allem dann, wenn sie sich als Massenmedium begreifen und ihr Erfolg rein quantitativ gemessen wird.

Der Eintritt in die Internetgesellschaft hat diese Tendenz in gewisser Weise noch verschärft. Nicht nur, weil Sehgewohnheiten sich weiter ändern und die durchschnittliche Verweildauer eines durchschnittlichen Zuschauers, bezogen auf einen einzelnen Filmbeitrag, weiter schrumpft. Ein mächtiger zusätzlicher Kombattant im Dauerkrieg um die Aufmerksamkeit hat sich breit gemacht, der mit kurzer Taktung und unendlicher Vielfalt besticht und seinem Publikum, den »Usern«, das Gefühl aktiver Teilnahme, ja sogar der Interaktivität, vermittelt und das zunehmend nachfrageorientierte Fernsehen damit weiter unter Druck setzt. Niederschwelligkeit des Zugangs ist dabei das Zauberwort so mancher Diskussion, wie denn auf solcherlei Tendenzen zu reagieren sei. Dabei hat es sich längst herumgesprochen, dass freier Eintritt und barrierefreie Zugangswege allein noch lange nicht ausreichen, damit das Publikum auch wirklich kommt.

Das Englische wird im Deutschen gerne dann verwendet, wenn bestimmte Werte ins Spiel gebracht werden, die – deutsch ausgedrückt – »uncool« wirken und also in der Diskussion weniger Gehör zu finden drohen. »Content« ist so ein Wort. Wir brauchen »Content«, unser Angebot muss »content driven« sein, sonst ist es nur »more of the same«, und ein bloßes »me too« als »add on« des medialen Grundrauschens reicht nicht aus, um Profil zu gewinnen und auffindbar zu sein. Man könnte auch von Inhalten sprechen, um die es geht. Und: Wer nichts Neues zu sagen hat, der sollte einfach mal die Klappe halten.

Der ZDFtheaterkanal und die Programmgruppe Theater, die im Bereich der darstellenden Künste bis hin zu Tanz und Popmusik für eine ganze Reihe von Beiträgen auch zu den Programmen von ARTE und 3sat verantwortlich zeichnen, haben, wie alle anderen Marktteilnehmer in diesem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends auch, mit diesem Grunddilemma des Kulturfernsehens umgehen müssen. Und gerade im Jahr 2010 fällt die Bilanz gar nicht so ernüchternd aus, wie die Prediger vom kulturellen Untergang des Abendlandes es uns verheißen. Jedoch es gibt sie, die Leichtigkeitslüge und – ja, die Schwierigkeiten der massenhaften Verbreitung anspruchsvoller Kultur als bloßes Vermittlungsproblem zu beschreiben, wäre zu kurz gegriffen.

Trotzdem und erst recht lohnt es sich, an den Formen der Vermittlung immer wieder neu zu arbeiten, alte Zöpfe abzuschneiden und Grenzen aufzulösen, da, wo sie keinen Sinn mehr machen.

Unsinn ist es beispielsweise, den spielerischen Zugang zur »Hochkultur« als trivialen Frevel zu stigmatisieren. Spielen macht Spaß, und der Mensch ist spätestens seit Schiller sowieso erst da ganz Mensch, wo er spielt. Ob die ersten künstlerischen Artikulationen unserer Vorfahren eher spielerischer oder grüblerischer Natur waren, das finden wir nicht mehr heraus, und vielleicht waren es ja sogar beide Motive gemeinsam, die Knochen zu Flöten und Höhlenwände zu Gemälden werden ließen.

Und so hat es allen, die mitgemacht haben, offensichtlich großen Spaß bereitet, zum Auftakt der neuen Dekade via 3sat, ZDFtheaterkanal und Classica »Die schönste Oper aller Zeiten« auszuwählen, obwohl wir alle wissen, dass solche Wah-len mitunter wenig über die wahrhaftige Schönheit der Gewählten auszusagen vermögen. Da wurde tausendfach und eifrig über Sinn und Unsinn eines solchen »Votings« in den Foren diskutiert. Aber auch in würdiger Schönschrift verfasste Briefe älterer Zuschauerinnen und Zuschauer erreichten die Redaktion in Massen, worin zu lesen war, man fände eine solche Abstimmung zwar eigentlich überflüssig, sehe die schönen Opern und die Dokumentationen aber sehr gerne und wolle schließlich nicht verschweigen, dass man »La Traviata« aus vielen Gründen eben doch für die schönste halte und also diesem Werk die Stimme gebe. Schmunzeln in der Redaktion. Oft.

Ein beispielloser Erfolg für die drei beteiligten Spartenprogramme war dieser Programmschwerpunkt zum Jahreswechsel, nicht nur, was die Masse des zuschauenden Publikums, sondern auch, was die Qualität der aufgelegten Programme anbetrifft, darin waren sich am Ende alle einig. Und sogar die Goldene Rose von Luzern befand die Abschlussshow einer Nominierung zur besten Unterhaltungssendung des Jahres in Eu-ropa würdig. Unterhaltung? Ja, Unterhaltung!

Kultur kann, darf, muss nicht, unterhaltend sein. Das fand auch einer der Gäste dieser Abschlusssendung »Die schönsten Opern aller Zeiten – Das Finale«: Christoph Schlingensief. Und erzählte uns von seinem neuesten Projekt, dem Operndorf in Afrika, das nächste Kapitel seines unendlichen Messdiener-Welt-Aktionskunst-Provokationsphilantropentheaters, mit dem er sein Publikum ununterbrochen in Atem hielt. Rastlos, unverschämt, unverständlich, sinnlich, verstörend, ratlos und Ratlosigkeit verstreuend, heilsbringend, unheilsdräuend, ständig um andere besorgt, unendlich egoistisch – so widersprüchlich und polar wie die graumelierte Haarmähne auf seinem Kopf, die stets sorgfältig in alle Himmelsrichtungen auseinandergezupft erschien. Er hat die Methoden und Techniken der Mediengesellschaften gekannt, dieser virtuose Verwirrer von Sinn und Sinnlichkeiten, Bedeutung und Quatsch, Spiel und Ernst.

Und er hat sie benutzt und ausgenutzt für seine ganz persönliche Mission, für seine Sicht der Dinge, zur Darstellung seines offenen, kruden Weltbildes, dem wir alle zu keinem Zeitpunkt wirklich folgen konnten. Doch was er uns lange als Fluxus-durchdrungene Freakshow verkaufen wollte, das war in Wirklichkeit seine Passion, und es war eine Passion im doppelten Sinne des Wortes. Leidenschaft und Kreuzweg sind zuweilen mit denselben Steinen gepflastert. Der Messdiener, Kunstmessias, Wagner-Flüsterer und Kettensägenwüterich, der Armenspeiser und Flüchtlingsheld hat sich schließlich mit seinem Krebs öffentlich ans Kreuz genagelt und ist im Sommer gestorben. Und als er dann da lag in seinem Sarg in der Herz-Jesu-Kirche in seiner Geburtsstadt Oberhausen, jener Kirche, die er für seine vom ZDF­theaterkanal festgehaltene Inszenierung »Kirche der Angst« hat auf der Bühne nachbauen lassen, um darin seine Krankheit, seine wilde Lebensgier und das Verwirrspiel seiner Fantasien zu einem weiteren, bemerkenswerten Höhepunkt zu führen, da hat jeder gedacht: Jetzt kommt er gleich um die Ecke und ruft »Halleluja«, und das Spiel geht weiter, alles geht weiter, so wie es immer weitergegangen ist in Schlingensiefs verspieltem Kunstkatastrophenpanoptikum. Aber er blieb liegen. War und bleibt für immer fort. Ein Programmschwerpunkt wider Willen für 3sat, ARTE und den ZDFtheaterkanal, den sich alle unter anderen Auspizien gewünscht hätten. Die Arbeiten an seinem Operndorf werden weiter gehen, ein von Sibylle Dahrendorf begonnener Dokumentarfilm wird sie weiter begleiten.

Erst die eigene Leidensgeschichte von Christoph Schlingensief und die Art, wie er damit umgegangen ist, haben den Künstler zum ganz großen Thema der Massenmedien werden lassen. Ist die öffentliche Selbstverbrennung, der Autodafé, das letzte probate Mittel der Kunst, um im Krieg um die massenhafte öffentliche Aufmerksamkeit Terrain zu gewinnen? »Genauso ist es«, kräht der Kulturpessimist und hat ja irgendwie auch Recht damit. Aber der Fall Christoph Schlingensief geht viel tiefer für den, der sich mit seiner Kunst wirklich beschäftigt. Da ist sie wieder, die Leichtigkeitslüge, und es lohnt sich immer, genauer hinzuschauen.

Einer, der so genau hinschaut wie kaum ein anderer, ist der flämische Choreograph Alain Platel. Auch er hat eine Passion hinter sich, und er erzählt uns rückblickend in einem Frankfurter Café davon, just an jenem Nachmittag, an dem uns dann die Todesnachricht von Christoph Schlingensief erreicht. Es ist die »Matthäuspassion« von Johann Sebastian Bach, die Platel zur Grundlage eines merkwürdigen Tanztheaters machte, in dem er Todessehnsucht und Lebensgier aufwühlend ineinanderchoreographiert, schwer zu Begreifendes, aber eindrücklich, weil die Aufführung einen nicht loslässt. Kann man so etwas Schweres, Kompliziertes im Fernsehen zeigen?

Hauptdarsteller dieser auf der ganzen Welt gezeigten Matthäuspassion mit dem Titel »Pitié«, was soviel heißt wie »Gnade«, ist ein zwanzig Jahre junger kongolesischer Countertenor. Er spielt den Jesus, singt wie die Jungfrau Maria selbst und erreicht die Seele auch derjenigen, die den Abend ansonsten nicht verstehen. Die Welttournee endet in seiner Heimat, im Kongo, in der Hauptstadt Kinshasa, und wir entschließen uns, der filmischen Auseinandersetzung mit diesem Werk den Rahmen zu geben, nämlich dieser letzten Reise des Stücks nach Kongo. Brigitte Kramer und Jörg Jeshel, zwei erfahrene Dokumentarfilmautoren, machen den Film und schaffen gleich dreierlei: Sie erleichtern dem Publikum tatsächlich den Zugang zu dieser komplexen Bühnenarbeit, indem sie starke Bilder finden und montieren, die nicht als Söldner im Krieg um die Augäpfel ihren Dienst tun, sondern sich dem besseren Verständnis der Zusammenhänge und Inhalte widmen. Und sie finden eine Geschichte in der Geschichte, die uns weiter führt, als uns das Bühnenkunstwerk allein zu führen in der Lage wäre. Und entdecken in der Reaktion vermeintlich von westlicher Kultur unbeleckter Schwarzafrikaner, wie leicht es sein kann, sich um die Leichtigkeitslüge einfach nicht zu scheren. Man muss nur genau hinschauen, sich öffnen und für Neues empfänglich sein, dann kann man mehr verstehen, sehen und begreifen, als im Buche steht.

Drei Episoden, drei Produktionen, drei Beispiele aus einem Jahr vielfältiger Arbeit am unendlichen Werkstück Kultur. Viele weitere wären zu erwähnen: der inzwischen bereits zehnte Theaterfilm, »Kasimir und Karoline« von Horvath, gedreht auf dem leibhaftigen Oktoberfest, der Aufbruch ins aufregende 3D-Zeitalter für die Bühnenkunst mit der Produktion von Wim Wenders’ Film über Pina Bausch, das ungewöhnlich Opernspektakel »Aida am Rhein« aus Basel, präsentiert auf gleich zwei Fernsehkanälen, oder die vielfältigen Regelproduktionen im Rahmen der Magazin-Reihe »Foyer«, der Porträt-Reihe »Abgeschminkt«, Theater- und Tanzadaptionen und Experimente, die auch in diesem Jahr mal gut und mal weniger gut gelungen sind.

Aber es stimmt schon. Wenn alle Kraft der Verführung gewidmet werden muss, dann bleibt für die Lust und Kultur der Erkenntnis wenig übrig. Das gilt im Übrigen im normalen Leben ebenso wie im Fernsehen.
 
 
zum Seitenanfang   
 
Das Unternehmen Impressum Kontakt   Erweiterte Suche ©ZDF 2011
zdf.de ZDFinfokanal ZDFneo zdf.kultur arte 3sat phoenix kika