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Juli 2007 der Flugzeugabsturz in Sao Paulo, erinnern sie sich noch? Ein Airbus 320 schießt über die Landebahn, zerschellt an einer Lagerhalle, zerstörte Häuser, Hunderte Tote im Fernsehen sind die Bilder einer solchen Katastrophe eindrücklich und immer verbunden damit ist die Frage: Wie konnte so etwas passieren? Da Unglücke oft passieren, ohne dass Kameras das Geschehen festhalten, sind hier Erklärstücke gefordert, die diese Wie-Fragen erklären und da sind wir vom Geschäftsfeld Design gefragt.
Unsere Aufgabe ist es, in Zusammenarbeit mit den Redaktionen 3D-Animationen zu entwickeln, die unseren Zuschauern komplizierte Sachverhalte einfach und nachhaltig erklären. Das reicht von der einfachen Chart- und Balkengrafik bis zur aufwändig gestalteten 3D-Realanimation. In unserer Gesellschaft verändern sich Rahmenbedingungen schnell, und viele Sachverhalte beeinflussen unser Leben auch hier fehlen oft die Bilder: Wie erklärt man im Fernsehen die Steuerreform, Hartz IV oder die Gesundheitsreform? Bei solchen für das Fernsehen trockenen, weil bildarmen Themen kann die Erklärung mit Hilfe von grafischer Gestaltung zugänglicher und verständlicher dargestellt werden. Virtualität wird dabei immer mehr zu einem Schlüsselbegriff. In den letzten drei Jahren haben wir im ZDF einen wesentlichen Schritt in die virtuelle Welt gemacht. Zwar kommt das neue Nachrichtenstudio erst Ende 2008 zum Einsatz, doch beschreiten wir jetzt schon mit unseren 3D-Erklärräumen eine neue Welt.
Hier ist Grafik nicht mehr das Hintereinander-Abbilden von Zahlen oder Begriffen, die den Text unterstützen, sondern ein Gestaltungswerkzeug, welches sich dramaturgischer Mittel wie Lichtsetzung im Raum oder Kameraführung bedient, um den Erklärfluss zu steuern. Der Redakteur schreibt das Drehbuch, der Grafiker wird zum Regisseur, um die grafischen Erklärteile zu einem verständlichen Film zusammenzufügen. Diese Erklärräume werden zur Zeit beispielsweise in den Formaten der Aktualität, der Wahlberichterstattung, dem »Politbarometer«, »WISO« und dem Sport eingesetzt. Die Vielfalt und Möglichkeiten zeigen folgende Beispiele aus verschiedenen Sendeformaten mit ihren individuellen Ansprüchen.
Die »heute«-Familie: Hier werden die meisten Erklärgrafiken und Erklärstücke täglich angefordert. Die »heute«-Nachrichten und das »heute-journal« nutzen immer intensiver die Möglichkeit, mit grafischen Elementen ihre vielschichtigen Themenbereiche zu erläutern. Dazu ist in der Aktualität meist nicht viel Zeit, deshalb investieren wir seit etwa vier Jahren in eine Software, die in der Lage ist, schnell und qualitativ hochwertig die verschiedenen Aufgaben zu realisieren. Das 3D-Programm ist in der Lage im Gegensatz zu früher, als jede aufwändige Grafik lange Rechenzeiten im Computer erforderte , grafische Vorlagen in kurzer Zeit zu ändern, und zugleich ist es realtime-fähig. Das heißt, Änderungen werden in kürzester Zeit umgesetzt. Zum Teil müssen Unglücke innerhalb von fünf Stunden in 3D auf den Sender, um die Situation vor Ort zu erklären. Um diese Möglichkeit zu nutzen, bedarf es einer hochqualifizierten Mannschaft. Wir benötigten zwei Jahre, um den Status Quo zu erreichen, und viele strukturelle Änderungen innerhalb des Geschäftsfeldes trugen dazu bei. Arbeitsabläufe zwischen Redaktion und Grafik wurden untersucht und ausgebaut. Mittlerweile finden Workshops zum Thema Informationsgrafik statt, in denen Stücke gemeinsam erarbeitet und produziert werden.
Die 3D-Erklärräume basieren auf formal gleichen Strukturen. So ist durch ihre offene Form eine hohe Flexibilität möglich. Sie unterscheiden sich durch das Sendedesign, also Hintergründe, Farbigkeit und spezielle Erzählformen. Einzelne Bestandteile können in andere Sendungen übernommen und dort weiterverarbeitet werden. Ziel ist, diese formatübergreifende Struktur auszuweiten, um schneller, flexibler und natürlich kostengünstiger zu produzieren. So können Bauteile aus der Wahlberichterstattung in den »heute«-Look übertragen werden oder aus einem »WISO«-Erklärstück im »heute-journal« eingesetzt werden. Anpassungen sind natürlich immer notwendig, aber es bedeutet, dass wir bei ähnlichen Inhalten nicht alles komplett neu anfertigen müssen. Der »WISO«-Tipp ist zum Beispiel ein sehr aufwändig produziertes Erklärstück. Die Bearbeitungszeit beträgt eine Woche, vom Briefing bis zur Endfertigung. Hier fließen von verschiedenen Bearbeitungsplätzen Teilgrafiken zusammen, die im »WISO«-Erklärraum zu einer Komposition zusammengefügt werden. Zum Teil werden spezielle Szenen im Studio produziert und dann bearbeitet in den »WISO«-Erklärraum integriert.
Auch beim »Politbarometer« und der Wahlberichterstattung wird ein solcher Raum genutzt. Für die verschiedenen Wahlergebnisse wurden über 50 Standardgrafiken entwickelt, die live aktualisiert werden können. Auch die Reihenfolge der Grafiken ist dynamisch. Diese Template-gesteuerten Grafiken sind allerdings in ihrem Design aktuell nicht veränderbar.
Der Sport benötigt eine Vielzahl an Tabellen, Streckenanimationen im Wintersport, Skischanzendarstellungen und Erklärungen, wie verschieden Sportgeräte funktionieren. Durch grafische Darstellungen kann man Unsichtbares sichtbar machen. Welches Material in wie vielen Schichten beherbergt ein Langlaufski? Wie sieht das Innere eines Biathlongewehrs aus und wie funktioniert es? Wie funktioniert ein Rennschlitten? Was ist das Besondere an einer Sprungschanze?
Das Erklärstück wird bei der Kindernachrichtensendung »logo!« jeden Tag neu produziert. Die zeichnerische Darstellungsform ist kindgerecht und wird so für unsere jungen Zuschauer verständlich und nachvollziehbar. Die Mischung aus gezeichneten Figuren und Elementen mit zurückgenommenen Realbildern und einfachen Animationen erklären in einem wiedererkennbaren Rahmen, was in der Welt passiert.
In Zukunft werden wir noch mehr in die virtuelle Welt eintauchen. Mit dem neuen Nachrichtenstudio werden Maßstäbe gesetzt, die das, was jetzt ist, weit überschreiten. Die Grenzen zwischen dem virtuellen Set, in dem Moderatoren an virtuellen Objekten erklären, und grafischen Erklärstücken sind fließend. Informationsgrafiken können innerhalb des Studios dargestellt werden. Setdesign, Moderation und Informationsgrafik bilden einen Verbund, der im Moment nicht in dieser Konsequenz möglich ist. Dies erhöht die Präsenz und Wiedererkennbarkeit der Sendung. Im Grunde wird das weiter geführt, was zur Zeit aus technischen Gründen noch nicht möglich ist.
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