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Gottfried Langenstein

Globalisierung und Wertewandel: Kulturträger Fernsehen als Faktor der Zukunftsfähigkeit Europas

 
Gottfried Langenstein
Gottfried Langenstein
 

Die zweite Welle der Digitalisierung wird für den europäischen Fernsehmarkt und für die Gesellschaft insgesamt Veränderungen mit sich bringen, die von gänzlich neuer Qualität sind.

Das duale System, das in den vergangenen Jahren auch mit Umwegen über Brüssel – mal sorgsam, mal streitbar – ausbalanciert wurde, wird nun durch das »triale System« ersetzt werden.

Die Welt des Gleichgewichts zwischen lizenzierten öffentlichen und privaten Sendern in limitierter Anzahl – jeweils für ein Land und von Eignern des eigenen Kulturraums gehalten – diese geordnete Struktur ist bereits dabei, sich aufzulösen. Und neu dazu kommt das Internetfernsehen (IPTV – Internet Protocol Television).

Die breitbandige Internetwelt über Kabel und Telefonleitungen öffnet das Tor für bewegte Bilder, die an jedem Ort der Welt für den Zuschauer zugänglich sind. Improvisierte Kleinstsender – wie Ehrensenf – sind hier ebenso möglich wie große globale Verwertungsketten von standardisierten Produkten. Google-TV, YouTube und MySpace sind die Namen von morgen, aber auch Fernsehproduzenten wie Disney und Time Warner werden dort ihre Marktflächen suchen. Über die richtige IP-Nummer des jeweiligen Empfängers muss nur noch das richtige Sprachsignal und die passende Werbung zugespielt werden.

Über die Zuteilung von Frequenzen und Kabelverbreitungsmöglichkeiten hatten die einzelnen europäischen Länder noch die Hoheit über die Verbreitung der klassischen Fernsehkanäle. Mit IPTV, dem Internetfernsehen, kommt eine neue Dimension dazu. IPTV ist keiner Lizenzierung mehr unterworfen, denn der Sender-Charakter entfällt.

Der Nutzer bezahlt selbst den Weg zu dem bewegten Bild des Internetanbieters, über die Flat-Fee seines Breitbandanschlusses bei Arcor, T-online, Free oder Orange. Und da er sich auf den Weg zum Angebot selbst begibt, ist er geschützt sowohl durch die EU-Konvention des freien Informationszugangs als auch durch die gleichnamige UN-Konvention.

In Frankreich, wo die Kabelverbreitung nur eine untergeordnete Rolle spielt, sind die Telefongesellschaften bereits mit VDSL-Angeboten mit acht bis 20 Megabit am Markt, die Fernsehen bis zur HDTV-Qualität zulassen. Dort finden sich Angebote des klassischen Fernsehens bereits neben denen von IPTV. Bei YouTube und MySpace finden einzelne Videos und Beiträge heute schon mehr Zuschauer als in der klassischen Fernsehwelt. Auch Video-on-Demand-Angebote gewinnen in der breitbandigen Welt schnell an Attraktivität.

Damit entsteht eine dritte Säule des Fernsehens, die keinerlei nationalen Beschränkungen mehr unterworfen sein wird. Die Schweiz hat angesichts dieses Umstands bereits angekündigt, dass ab April 2007 Fernsehsender generell keiner Genehmigung mehr bedürfen.

Wirtschaftlich ist das neue Internetfernsehen (IPTV) außerordentlich wettbewerbsfähig. Der Zuschauer ist nicht länger anonym, sondern über seine IP-Nummer, die in jedem Endgerät hinterlegt ist, identifizierbar. Damit wird er für individuell zugeschnittene Werbung adressierbar. Wer über IPTV die Tour de France verfolgt, wird je nach seinem Standort den passenden Fahrradhändler um die Ecke als Werbebanner mit auf den Bildschirm bekommen. Werbung ohne Streuverluste wird IPTV-Veranstalter besonders ertragsstark machen. Die Suchmaschinen von Google und die rasanten Wachstumszahlen dieses Unternehmens haben uns das plastisch vor Augen geführt.

Ein zweiter Faktor – der nicht der Medienwelt entstammt – wird für unser europäisches Modell in den kommenden Jahren nicht minder bedeutsam werden. Es ist die Verschiebung des wirtschaftlichen Gewichts im Zuge der Globalisierung.

Europa konnte in der Vergangenheit mit dem angenehmen Selbstverständnis leben, sein demokratisches Modell, sein Konzept der Freiheit, seine Vorstellungen der Aufklärung und der Menschenrechte seien weltweit überlegen, weil sie auch das ökonomisch erfolgreichste Modell darstellten.

Europas Nationen konnten den Glauben hegen, dass alle Welt begreifen würde, Poppers Begriff der »open society« sei ein Synonym für ökonomischen Erfolg. Und sie waren sicher, dass sich am Ende alle Gesellschaften auf der Suche nach Prosperität dem westlichen Modell anschließen würden. Dies wird in Zukunft nicht mehr so selbstverständlich sein.

Denn der global stärkste Wirtschaftsaufschwung findet zur Zeit nicht in Europa, sondern in Ländern statt, die unseren Vorstellungen einer offenen Gesellschaft nicht wirklich entsprechen.

China – ein streng geführter Einparteienstaat mit wenig Rechten für den Einzelnen – legt ein Wachstum von annähernd zehn Prozent seit nunmehr 15 Jahren vor und hat Deutschland dieses Jahr in seiner Wirtschaftskraft überrundet. Indien – ein Land, in dem das Kastensystem immer noch das Leben des Einzelnen bestimmt – folgt mit ähnlichen Wachstumsraten, und Russland – dessen Rechtsordnung noch weit von unseren westlichen Vorstellungen entfernt ist – hat sich ebenfalls zu einem mächtigen wirtschaftlichen Player entwickelt. Folgt man den Projektionen internationaler Forschungsinstitute, dann werden diese drei Länder innerhalb von 30 Jahren mehr Wirtschaftskraft auf sich vereinen als die führenden vier europäischen Industrienationen, Japan und die USA zusammen. Das bleibt für das globale Durchsetzen von Rechtsvorstellungen und Gesellschaftsmodellen nicht ohne Folgen.

In den Ländern des wirtschaftlichen Aufschwungs wächst ein Selbstverständnis heran, das die alten europäischen Gesellschaften nicht länger mit Bewunderung betrachtet, im Gegenteil: Der wirtschaftliche Erfolg scheint ihre Gesellschaftsmodelle gegenüber dem vermeintlich »alten Europa« zu sanktionieren. Wer junge Chinesen oder junge Inder über die Zukunft sprechen hört, für den ist das neue Selbstbewusstsein und die Kritik an der Unbeweglichkeit der europäischen Gesellschaften unüberhörbar.

Die wirtschaftliche Kraft geht auch in die Medien und die Filmindustrie, die sich zunehmend auf eigene Produkte konzentriert. Das Bollywood Indiens ist längst zur größten Filmindustrie der Welt herangewachsen, die ihre Drehorte auch schon in den Schweizer Alpen sucht.

Für Europa haben die Folgen der Globalisierung deshalb weit mehr als nur eine ökonomische Bedeutung. Es geht um die Zukunft Europas als Kulturraum, nicht als musealer Ort, sondern als der Kontinent mit einer möglichst breiten geistigen Lebendigkeit, an der die gesamte Gesellschaft teilhat.

Umso mehr bedarf es in Europa einer Stärkung des eigenen Selbstverständnisses und einer Konzeption, wie europäischer Film und europäisches Fernsehen sich in einer globalisierten Medienwelt behaupten können. Da Marktzutrittsschranken wie in den USA (maximal 20 Prozent ausländische Beteiligung) in Europa undenkbar sind, fällt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Qualitätsmarke und als geistiger Innovationsfaktor der neuen globalisierten Vielfalt dabei eine besondere Rolle zu.

Da die keiner Kontrolle unterworfenen externen IPTV-Veranstalter mit allen Registern aufspielen können, muss gerade auf den neuen Plattformen den öffentlich geförderten Kulturinhalten die entsprechende Präsenz gesichert werden. Die Beschränkungen des öffentlichen Rundfunks aus den Zeiten des dualen Systems sind hier längst historisch überholt. Wer in Zukunft auch einen lebendigen europäischen Wertekanon wünscht, muss dafür auch die Möglichkeiten einräumen. Die Begleitung des Wiederaufbaus der Museumsinsel, die Rekonstruktion des Films »Rosenkavalier« von Richard Strauß, die breite Begleitung der Berlinale und der deutschen Musik- und Theaterfestivals, Barenboims Konzerte mit dem West-östlichen Diwan, der mit dem Goldenen Bär ausgezeichnete Dokumentarfilm »Grbavica«, das sind Leistungen, die weltweit anerkannt werden, und die auch auf allen neuen Plattformen ihre Sichtbarkeit behalten müssen.

 
 
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