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2006  
ZDF Jahrbuch
Aus der Programmarbeit
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Bettina Warken

Die Sprache in den Nachrichten
Der tägliche Kampf der »heute«-Redaktion mit den Wörtern, den Sätzen oder dem Text

 
Bettina Warken
Bettina Warken


Nachrichtentexter bei der Arbeit
Nachrichtentexter bei der Arbeit
 

Wann immer neue Kollegen und Kolleginnen in die »heute«-Redaktion kamen, waren sie von zwei Dingen überrascht, der guten Stimmung in der »heute« und der Tatsache, dass wir jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wir ringen um jeden Satz, und kaum eine Meldung ist so gut, dass man sie nicht noch verbessern kann. Viele kamen auch mit dem Bewusstsein hierher, so schwer werde es ja schon nicht sein, drei oder vier Zeilen zu schreiben. Wer dann einmal für die 16-Uhr-Ausgabe der »heute« gearbeitet hat, weiß: Nichts ist schwieriger. Die Nachrichten um 16 Uhr sind 90 Sekunden lang. In 90 Sekunden erklären wir die Welt, da bleiben 21 Sekunden für den aktuellen Steuerstreit in der Koalition und 13 Sekunden für Allerheiligen, und das in einer Welt, in der schon fast 40 Prozent der Menschen in Deutschland nicht mehr die ursprüngliche Bedeutung von Weihnachten kennen. Der Staatsvertrag der deutschen Länder beschreibt unsere Funktion so: »Die Nachrichten sollen einen objektiven Überblick über das Weltgeschehen geben und ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit zeichnen.« Wir versuchen mehr; wir wollen dem Zuschauer die Möglichkeit geben, ein Stück von dieser Welt zu begreifen, die für den Einzelnen immer komplexer und komplizierter wird. Fast jeden Tag stoßen wir damit an unsere Grenzen, aber jeden Tag steht das wieder ganz oben auf unserer Agenda; damit beginnt der Tag. Wir nutzen dazu alle Möglichkeiten, die uns das Medium bietet, eine klare Sprache, passende Bilder und eine Grafik, die unterstützt, was wir erklären wollen. Das ist im Tagesablauf der Redaktion fest verankert und beginnt bereits mit der ersten Konferenz am Morgen.

Wenn wir uns morgens versammeln, um die Themen des Tages zu besprechen, dann stellen wir stellvertretend für den Zuschauer auch die Fragen, die wichtig sind, um ein Thema zu verstehen oder einzuordnen. Was genau darf zukünftig in das Handgepäck? Und: Ist der wahre Gewinner der neuen Regelungen der Passagier, der vielleicht mehr Sicherheit bekommt, oder sind es die Hersteller von wiederverschließbaren Plastikbeuteln? Wie wollen wir das Thema in der Sendung darstellen, und was benötigen wir dazu? All diese Fragen gilt es, früh am Morgen zu besprechen, denn am Mittag ist es zu spät für eine aufwändige 3D-Grafik oder für ein Interview mit einem Experten. Zum Verständnis der oft komplexen und schwierigen Sachverhalte sind solche Überlegungen genauso wichtig wie die Sprache, die wir verwenden. Die »heute«-Nachrichten unterscheiden sich wesentlich von anderen Nachrichtensendungen in dem, wie wir etwas ausdrücken oder beschreiben. So wollen alle Nachrichtenmacher eine klare und verständliche Sprache benutzen, aber im Alltag erkennt man deutliche Unterschiede. Wir haben das Institut Rheingold damit beauftragt, herauszufinden, welche Sprache und welche Elemente dem Zuschauer am besten helfen, die Nachrichten des Tages zu verstehen. Das Ergebnis der Studie hat uns bestärkt: Die »heute«-Nachrichten bieten dem Zuschauer die größte Hilfestellung. Auch die »Tagesschau« bemüht sich um schlichte Satzstrukturen und eine verständliche Sprache, doch zu häufig wird in Hamburg gegen das Bild getextet und zu viel vorausgesetzt. Moderationen, die nur Fakten aufzählen, unterstützen das Verstehen nicht. Bei RTL kritisieren die getesteten Zuschauer eine zu große Dramatisierung der Ereignisse – eine Übertreibung, die sie ablehnen. In der »heute«-Redaktion werden die Nachrichten von einem Moderator oder einer Moderatorin präsentiert. Sie sollen einordnen und auf den Beitrag hinführen. Dieser »moderative« Beginn einer Sendung hilft dem Zuschauer nachhaltig, ohne ihm eine Meinung vorzugeben. Dabei ringen wir um jede Formulierung, um jeden Satz. Nachrichten sollen die Wirklichkeit abbilden, aber auch in den größeren Zusammenhang bringen, mit dem die einzelnen Ereignisse verbunden werden.

So war die Moderation zum Libanon-Konflikt in der 19-Uhr-»heute«-Sendung vom 13. Juli 2006 für die getesteten Zuschauer laut Rheingold-Studie die, die sie am schnellsten zum Thema geführt und das beste Verstehen ermöglicht hat:

»Es ist noch kein Krieg, aber auch nicht weit davon entfernt: Israel greift weiter palästinensische Ziele im Gazastreifen an und nimmt auch seinen nördlichen Nachbarn Libanon in die Zange, mit den schwersten Angriffen seit mehr als 20 Jahren. Die Marine errichtete eine Seeblockade, die Luftwaffe bombardierte den Internationalen Flughafen von Beirut und militärische Ziele.« (Moderation von Steffen Seibert zum Libanon-Konflikt, unterstützt mit einer Karte).

»Der Konflikt im Nahen Osten eskaliert. Israel hat seine Offensive im Gaza-Streifen fortgesetzt und die Angriffe im Libanon massiv ausgeweitet. Die Armee bombardierte heute unter anderem den Flughafen von Beirut. Die Marine errichtete eine Seeblockade. Die libanesische Hisbollah-Miliz beschoss israelisches Gebiet. Am Abend trafen Raketen die Hafenstadt Haifa. Die Hisbollah bestritt, sie abgefeuert zu haben. Auslöser des Konflikts war die Entführung von israelischen Soldaten.« (»Tagesschau«-Text).

Obwohl auch die Sprache in anderen Nachrichten aus kurzen Sätzen besteht, versteht der Zuschauer hier kaum Zusammenhänge. Schon nach dem ersten Satz, »der Konflikt im Nahen Osten eskaliert«, ist die Aufmerksamkeit gesunken und der Zuschauer glaubt, es handele sich um die üblichen Konflikte, die er häufig in Nachrichtensendungen präsentiert bekommt. Eine besondere Situation wird nicht angenommen.

Bei RTL wird es gleich ein Stück bedrohlicher für den Zuschauer: »Die Angst vor einem neuen Krieg in dieser Region wächst. Israelische Kampfflugzeuge haben seit dem Morgen wieder Ziele im Libanon bombardiert. Darunter auch den internationalen Flughafen von Beirut. Die libanesische Hisbollah-Miliz schlägt zurück, mit Raketenangriffen auf Städte im Norden Israels.«

Dazu beginnt der Bericht des Korrespondenten mit einem Aufsager vor rauchenden Trümmern; jetzt ist die Gefahr für den Zuschauer ganz unmittelbar, ohne dass er genau weiß, was sich in diesem Konflikt abspielt.

Die Ausführungen der Rheingold-Studie haben auch gezeigt: Die Menschen wollen am frühen Abend einen kurzen Überblick über das Geschehen des Tages. Ein Zuviel an Erklärung wird schnell als belehrend empfunden und deshalb abgelehnt. Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir jeden Tag unterwegs sind.

Text und Kontrolle
Jeder Text, den ein Redakteur oder eine Redakteurin schreibt, wird mindestens zwei Mal geprüft. Zuerst liest der Moderator oder die Moderatorin ihn – häufig laut, um zu hören, wie der Text klingt. Denn unsere Sprache muss eine gesprochene sein, das unterscheidet uns wesentlich von der Zeitung. Hier kann man alles, was man nicht sofort verstanden hat, noch einmal nachlesen, dies ist im Fernsehen nicht möglich. Alles hört man nur einmal, es muss sofort verstanden werden. Dabei sind unsere Zuschauer am frühen Abend nicht auf die Nachrichten allein konzentriert; sie bügeln, kochen, überprüfen anstehende Termine oder bereiten das Abendessen vor. Das wissen wir aus der Medienforschung. Alles Tätigkeiten, die von den kunstvoll zusammengestellten Nachrichten, die dicht gepackt sind mit Informationen, ablenken und auch dafür sorgen, dass so manche Sendung einfach vorbeirauscht. Texte müssen deshalb klar strukturiert sein und dürfen keine Fragen aufwerfen, die nicht beantwortet werden. Rückbezüglichkeiten, Verweise oder Verknüpfungen mit vorangegangenen Ereignissen, die in der Sendung nicht erwähnt werden, sind nicht erlaubt. Im Schnitt sieht jeder Zuschauer nur 1,3 »heute«-Sendungen in der Woche. Wir können nicht voraussetzen, dass ein Ereignis, eine Abstimmung oder eine Reform bekannt sind.

Zu einer klaren Struktur gehört eine klare Sprache. Substantivierungen, Fremdworte oder Fachbegriffe wollen wir vermeiden. Subjekt, Prädikat, Objekt – eine viel verwendete Satzkonstruktion. Adjektive gehören fast nie in die Nachrichten, meist werten sie, oft beschreiben sie eine subjektive Einschätzung. Es darf zwar »schönes Wetter« angekündigt werden, aber das »brutale Verbrechen«, die »herausragende Wahl« oder die »gute Arbeit der Koalition« sind keine Begriffe für Nachrichten.

Auch schlechte Synonyme tragen nicht zum Verständnis bei. Zuletzt hatten wir Freude an dem »Mittelhessen« – gemeint war Fabian Hambüchen, der Turner. Solche »Ersatzworte« verbessern das Verständnis nicht und lassen den Zuschauer grübeln, wo denn Mittelhessen genau liegt. Die Übernahme von Fachausdrücken ist eigentlich verboten, auch wenn es hin und wieder mal passiert. »Sachschäden« gehört zum typischen Jargon der Versicherungssprache. Wenn Menschen verletzt werden, nennen wir sie auch »Verletzte« und folgen nicht einem Jargon und sprechen plötzlich von »Personenschäden«. Nur wenn man Personenschäden von Sachschäden unterscheidet, macht die Verwendung von beiden Sinn. In der »heute« hilft uns dabei eine kleine Unwortliste, sie verbietet beispielsweise die Worte »Gleiskörper«, »humanitäre Katastrophe« oder »durchführen«. Die Liste wird regelmäßig erweitert und verändert. Wer Spaß an der Sprache hat, dem können wir nur die Pflichtlektüre Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod (Autor: Bastian Sick. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, September 2004, Anm. der Red.) empfehlen. Hier finden sich viele Worthülsen, die Agenturen mit Vehemenz verbreiten, mit denen wir jeden Tag kämpfen und die es zu vermeiden gilt.

Neben Verständlichkeit ist Genauigkeit ein hohes Gut in den Nachrichten. Es ist ein Unterschied, ob jemand »verhaftet« oder nur »festgenommen« wurde. Einer der auch vor Gericht bedeutsam sein kann. Alle Verbrecher sind »mutmaßlich«, solange sie nicht verurteilt sind, und auch ein Terrorist »soll die Bombe gelegt haben« und hat sie nicht gelegt, solange es nicht vor Gericht bewiesen ist.

Zahlenangaben werden in der Redaktion besonders überprüft. Wie viele Verletzte sind es genau? Der Korrespondent soll eine solche Zahl nicht im Beitrag erwähnen, denn der Beitrag kommt vielleicht schon zehn Minuten vor der Sendung in Mainz an, und die Zahl der Verletzten kann sich noch verändern. Sind es Milliarden oder Millionen? War es ein Prozent oder ein Prozentpunkt? Wir rechnen nach und kontrollieren jede Zahl im Text mehrmals. Zu schnell ist auch hier ein Fehler passiert.

Wenn der Moderator den Text gelesen hat, wird dieser von einem weiteren Redakteur überprüft. Stimmen alle Fakten? Ist der Text logisch und verständlich? Sind keine Fremdwörter oder Fachbegriffe darin, die wir nicht erklärt haben? Dann wird er dem Chef der Sendung vorgelegt, und hier erfolgt die letzte Abnahme.

Aus den Beispielen konnte man sehen, dass eine kurze Satzfolge noch nicht zum Verstehen beiträgt, dass wir nichts voraussetzen dürfen. Sicher kann eine Hauptnachrichtensendung im ZDF nicht sagen: »Goethe, ein bekannter deutscher verstorbener Dichter«, wie es noch mein Chef bei der Lokalzeitung gefordert hat. Aber hörte sich der Beginn einer Nachrichtensendung schon mal so an: »Luanda, so sagt man in Kabinda, ist das Katanga Angolas.« Ein Satz von Peter Scholl-Latour, der den Zuschauer möglicherweise doch überforderte. Ein Beispiel, das mein Vorgänger besonders gern zitiert hat, wenn es um das Verständnis von Nachrichten ging: Denn spätestens hier hört das Verstehen auf. Wichtiger als das Verstehen der Zuschauer war vielleicht das Demonstrieren eigener Kompetenz. Heute zählt für die Korrespondenten, viel zu wissen, und gleichzeitig zu wissen, was man weglassen muss. Denn der Adressat der Sendung ist der Zuschauer, für seine Bedürfnisse müssen wir texten.

Trotzdem machen auch wir jeden Tag wieder Fehler. Wie selbstverständlich geht uns das »Kyoto-Protokoll« über die Lippen, treffen sich EU-Ratspräsident und EU-Kommissionspräsident. Doch wir arbeiten jeden Tag daran, so viel wie möglich zu erklären, zu übersetzen oder zu umschreiben. Jeder soll die »heute«-Nachrichten verstehen und sich mit ihrer Hilfe eine Meinung bilden können.

 
 
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