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2005  
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Nina Ruge

Zwischen Big Brother und Buckingham Palast: die Herausforderung, das beste Prominentenmagazin zu gestalten
Oder: Glaubwürdigkeit als Wettbewerbsvorteil – 2 000 Mal »Leute heute«

 
Nina Ruge
Nina Ruge


Nina Ruge berichtet aus der Welt des Glamours
Nina Ruge berichtet aus der Welt des Glamours
 

Seit Bestehen von »Leute heute« – und das sind mittlerweile immerhin knapp neun Jahre – lege ich einen geradezu verzickten Wert darauf, uns nicht als Boulevardmagazin, sondern als »Prominentenmagazin« bezeichnet zu wissen. Denn mit der Vokabel »Boulevard« stolpern wir gleich in die erste begriffliche Falle. Den »Boulevard« gibt es schon längst nicht mehr. Der hatte ja immerhin eine ansehnliche etymologische Wurzel, nämlich, laut Duden, »Prachtstraße«, auf der man flanierte und sich austauschte über dies und das – auch über Dinge, die nichts mit Handel, Wandel oder Politik zu tun hatten. Diese Prachtstraße hatte – als sie noch schön war und unbefleckt – Anwohner mit klingenden Namen wie Margret Dünser (sie lebte im Hause »V.I.P.-Schaukel«), Sabine Sauer (sie residierte hinter dem »Showfenster«) – es gab Herren wie Blacky Fuchsberger oder Albert Krogmann. Doch mit dem Eintritt des Privatfernsehens in die Medienszene hat sich dieser Boulevard geteilt – in zwei völlig verschiedene Routen des TV-Geschäfts.

Die eine führt in ein eher zwielichtiges Milieu – St. Pauli lässt grüßen. Sie ist durch und durch sexualisiert, man spricht über die Brustvergrößerung von Formel-1-Braut Cora Schumacher, oder man interessiert sich bis ins Detail für die sexuellen Praktiken des Rudolf Moshammer und natürlich für die grausamen Umstände seines gewaltsamen Todes. Mord, Verstümmelung, sexueller Missbrauch – sehr beliebte Themen auf diesem Zweig des Boulevards. Dazu gesellt sich eine überbordende Lust an Häme, Zynismus und Menschenverachtung. Man klingele nur an den Haustüren »Dschungelcamp« oder »TV total.«

Die Besucher dieses TV-Boulevards können allerdings eine beeindruckende emotionale Schein-Entladung erleben von Ängsten, Vorurteilen, Neidgefühlen oder Ohnmachtskomplexen. Oft zwar auf Kosten anderer, doch beim kollektiven Feixen und Runtermachen kann eine besondere Form von Wohlfühlklima entstehen. Gemeinsames Frustabladen auf nicht anwesende Dritte – das hat Suchtpotenzial. Tatsächliche Entlastung bringt das natürlich nicht – aber die Illusion von Macht und Bedeutung für diesen Augenblick, was bekanntlich das Ego streichelt. Früher nannte man diese Art der Beschäftigung »Klatsch«. Zur Erinnerung auch hier der Duden: »Klatsch ist gehässiges, übles Reden über nicht anwesende Dritte.«

Nun das Dilemma der »Leute heute«-Redaktion: Wir befinden uns zwar auf dem anderen Abzweig des Boulevards. Doch die Programmierungsingenieure des medialen Navigationssystems haben das immer noch nicht eingescannt. Die Zieleingabe »Boulevard« führt im öffentlichen Bewusstsein noch immer zu beiden Wegen, zu den Sendungen »Taff«, »Blitz«, »Explosiv«, »Exclusiv«, »Sam«, zum »Dschungelcamp«, »TV total« – und eben zu »Leute heute«.

Deshalb bestehen wir störrisch darauf, ein »Prominentenmagazin« zu sein, ein »Gesellschafts-« oder auch »People-Magazin«. Gegen die Etikettierungen »Boulevard-« oder auch »Klatschmagazin« verwahren wir uns.

Denn: Unser Team von »Leute heute« – das ist zuallererst ein Team von Journalisten. Das heißt, wir arbeiten mit dem klassischen journalistischen Handwerkszeug. Das wiederum bedeutet, dass keine People-Meldung ungeprüft auf den Bildschirm gelangt und schon gar nicht dergestalt angefüttert wird, dass sie dem Stillen von Sensationsbedürfnissen dienen könnte. Wir informieren über neue Filme und ihre Stars, über Konzerttourneen, Galas und Preisverleihungen. Wir berichten auch über Hochzeiten, Trennungen, Scheidungen, Skandale oder Todesfälle: Wir liefern Soft News, unterhaltende Information. Dabei sind wir uns stets bewusst: Nichts davon ist wichtig. Deshalb leisten wir uns einen etwas anderen Stil als die klassischen Nachrichtensendungen, ein leichtes Augenzwinkern, heitere Distanz – ohne Arroganz oder Zynismus. Wir schaffen eine Atmosphäre, die unseres Erachtens die passende ist für unser Sujet: Wir nehmen es nicht wichtig. Wir nehmen es leicht.

Und wir leisten uns Gefühle. Denn das, was sich um das Privatleben berühmter Menschen rankt, entspricht meist klassischen Schicksalsmustern. Solche mit Hilfe von Psychologen oder Medienprofis zu durchleuchten, kann für Normalsterbliche durchaus hilfreich sein. Uschi Glas wird von ihrem Mann verlassen für eine Jüngere. Sie leidet, fängt sich – und findet schließlich ihr Glück mit einem neuen Mann. Storys wie diese können helfen, eigene Ängste zu artikulieren – und zu relativieren. Deshalb gilt für uns: Emotionsgeladene Themen sind erwünscht, werden aber weder verkitscht noch wird Intimes voyeuristisch ausgestellt. Unter die Gürtellinie sollen andere schauen, das ist für uns tabu. Mit dem Wandel unserer Gesellschaft in eine Mediengesellschaft gelangten die Celebrities mit Unmengen an US-Spielfilmen, Soap-Operas und TV-Serien geradezu rudelweise in unsere Wohnzimmer. Dieser gigantische Markt an Promis ließ einen ebenso gigantischen Markt an Promi- und Boulevard-Magazinen entstehen. Was dann zu einer perfiden »V.I.P.-Schaukel« von Angebot und Nachfrage führte: Je mehr Magazine entstanden, desto mehr Promi-Storys wurden benötigt. Die gab es aber nicht in genügend hoher Zahl – also hat man sich bei der Halbprominenz bedient. Damit spaltete sich der Star-Begriff in A-, B- und C-Klasse. Zu letzterer zählen wir alle, die durch konsequentes Vermarkten ihres Privatlebens in die Klatschspalten gelangen – von Daniel Küblböck bis Tatjana Gsell. Klassische Sternschnuppen-Existenzen, Zutaten in der medialen Wurstfabrik zwecks Steigerung von Quoten und Auflagen. Doch das spürt der Zuschauer. »Leute heute« hat sich aus der Billig-Verwurstung komplett ausgeklinkt. Wir berichten bevorzugt über jene Stars, die Qualifikation und Glamour zeigen.

Glamour – ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor. Ausgedient hat meines Erachtens die dekadente Arroganz des alten Hollywood-Glamours, exhibitionistisch, auf Yachten dümpelnd, sozial ignorant und in Zuckerbäckervillen zu Hause. Doch es ist eine neue Generation des Glamours entstanden, Celebrities der Sorte »Sein – nicht Schein«. Prominente mit dem Glamour einer Authentizität, die von der Strahlkraft des Könnens zehrt. Marlene Dietrich hat den »wahren Glamour« als »Selbstgewissheit« definiert. Wir leben in einer Ära der Werte-Suche, in einer Zeit, in denen Vorbilder ganz sacht wieder Vorbilder sein dürfen ... Wenn sie echt sind, sozial engagiert, mitmenschlich – das Gegenteil also von Paris Hilton.

In dieser Welt der Werte haben wir von »Leute heute« vorsichtig, mit aller gebotenen Zurückhaltung, Stellung bezogen. Vielleicht haben wir dem unsere Marktführerschaft zu verdanken. 1997 waren wir mit einer durchschnittlichen Quote von 13,2 Prozent Marktanteil an den Start gegangen, haben Jahr für Jahr kontinuierlich zugelegt und sind heute mit 18 Prozent Marktanteil und knapp drei Millionen Zuschauern täglich das erfolgreichste unter den People- und Boulevardmagazinen.

Sind wir stolz? Vielleicht ein bisschen. Nein, wir sind vor allem dankbar – unseren Zuschauern, unter denen überdurchschnittlich viele junge sind – dafür, dass sie uns die Treue halten.
 
 
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