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2002  
ZDF Jahrbuch
Aus der Programmarbeit
Nikolaus Brender
Peter Frey
Thomas Bellut
Wolf von Lojewski/Claus Kleber
Bettina Schausten
Elmar Theveßen
Eberhard Piltz
Udo van Kampen
Uwe Kröger
Dirk Sager
Alexander von Sobeck
Maria von Welser
Joachim Holtz
Eberhard Figgemeier/Dieter Gruschwitz/Rainer Deike
Hans Janke
Heike Hempel/Claudia Tronnier
Hans Helmut Hillrichs
Werner von Bergen
Carola Wedel
Susanne Krummacher
Claus Beling
Birte Dronsek/Axel Laustroer
Anca-Monica Pandelea

Hans Janke

Neue Nüchternheit
Nach dem Kirch-Fiasko

 
Hans Janke
Hans Janke
              
 

In der Mediengeschichte unseres Landes ist 2002 womöglich so wichtig wie 1984. Damals der »Urknall« – der Auftritt kommerzieller Konkurrenz für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und damit das Ende eines vermaledeiten »Monopols«. Nun, knapp zwei Jahrzehnte später und bei vollentwickeltem »dualen System«, eine Eruption ganz anderer Art: Der Kirch-Komplex ist kollabiert, das bedeutendste und verzweigteste deutsche Fernsehunternehmen hat – größter Konkurs seit 1945 – Pleite gemacht und so eine Krise ausgelöst, deren Ende so wenig in Sicht ist wie ihre Wirkung im Einzelnen zu prophezeien. Nichts jedenfalls ist wie zuvor. Ein Konzern, der als Programmveranstalter (ProSieben, SAT.1, Kabel 1, DSF, N24, Premiere), als Produzent mit einer Phalanx einschlägiger Firmen, als weltweit aktiver Lizenzhändler und nicht zuletzt als Ferment und Faktor oder, sagen wir, als Gewährleister sui generis die Medienentwicklung bei uns in jeder Hinsicht mitbestimmte, hat, unbeschadet künftiger Konstruktionen, abgedankt:

Tiefeneffekte, wie sie sich schon im Verlust tausender von Arbeitsplätzen zeigen, so evident wie zugleich klandestin. Unsicherheit demnach als Merkmal einer bebenden Branche, die obendrein weitere Irritationen zu bestehen hat. Die verlockend-schillernde Blase unendlichen New-Economy-Wachstums mit astronomischen Börsenwerten – geplatzt. Die paradiesische Aussicht, mit Geld mehr Geld zu machen als durch Produzentenhändearbeit – dahin. Und verweht auch die verwegen optimistische Vorstellung, im Medienmekka sei gleichsam Platz für alle und es könne gar nicht genug Produktionsfirmen und -firmchen geben – jetzt also geht es allenthalben ans Sterben. Und schließlich eine rezessionschronische Gesamtökonomie, die der werbetreibenden Wirtschaft ziemlich Zurückhaltung zu gebieten scheint. Alle Publizistik, die Presse zumal, aber entschieden eben auch die großen Sender, verzeichnet – Besserung vorerst nicht zu erwarten – empfindliche Verluste beim Reklame-Verkauf. Die Medienbäume wachsen nicht länger und in den Himmel schon gar nicht ...

Die Lage ist, mit dem seligen Adenauer zu sprechen, mithin ernst, aber keineswegs hoffnungsfrei, allerdings gründlich verändert. Sie lässt sich vielleicht, aufs Fernsehen und die Produktion dafür bezogen, so skizzieren: Das öffentlich-rechtliche System ARD und ZDF gewinnt seiner Gebührengrundstabilität wegen und weil es vielfaltsverpflichtet ist, auch als Marktfigur ungeahnt Gewicht und Geltung. Es ist als Adresse nun neuerlich sehr gefragt. Produzenten, die eben noch hierhin gehen konnten und dorthin und diesen Komfort auch gern mal spüren ließen, wissen, was sie an Auftraggebern haben, deren Programmarbeit nicht allein saisonal und konjunkturell definiert ist, die also nicht wie der Marktführer RTL ruck, zuck (und absolut legitimerweise übrigens) teure fiktionale Formate (TV-Movies zum Beispiel) durch preiswerte wie Quiz- und Reality-Shows ersetzen.

Indes, auch ARD und ZDF sind – binsenbanale Weisheit – in ihren finanziellen Möglichkeiten mehr und mehr begrenzt. Auch ihre Einnahmen gehen dramatisch zurück, während ihre Programmherstellungskosten noch immer weit über die allgemeine Inflationsrate steigen. Sie müssen also haushalten und noch klüger wirtschaften. »Mehr für weniger« muss ihre Devise lauten, und jede Stoffentscheidung, jede Akquisition ist nun einem noch schärferen Kosten-Nutzen-Kalkül unterworfen, das die Erfolgsparameter Reichweite, Reputation, Repertoire streng zur Anwendung bringt und so der Programmproduktion, die ja einen stolzen Auftrag kennt und immer auch ein künstlerischer Prozess eigener Prägung und spezifischer Motivik ist, eine neue Nüchternheit abverlangt. Zu dieser gehört die gelegentlich schmerzhafte Einsicht, dass ARD und ZDF auf absehbare Frist gewiss nicht mehr Geld in die Produktion stecken können, also überfordert wären, wenn sie massive Einbrüche anderswo ausgleichen sollten. Und dass sie – nicht aus sacro egoismo, sondern im Sinne vernünftigen Umgangs mit treuhänderisch überlassenen Mitteln – ihr Verwertungsinteresse ins Auge fassen und strikt berücksichtigen. Spendabel werden sie also kaum mehr sein können, mäzenatisch schon gar nicht, und die flott-egoistische Formel »Koste es andere, was es wolle« verfängt nun auch bei öffentlichen Sendern nicht mal ein bisschen. Wohl aber müssen diese die »terms of trade« zwischen sich und ihren Lieferanten, die bekanntlich längst mehr sind als das, nämlich veritable Programmerzeuger, so an- und festlegen, dass gute Geschäfte für beide Seiten herausspringen. Und sie sind auch herausgefordert, ihre Planungen und die Bestellungen, die daraus resultieren, rechtschaffen zu plausibilisieren und berechenbar, nachvollziehbar zu machen.

Pointiert: Communiqués über Intentionen und Profile von Programmen und Projekten dürften künftig weniger auf Akademienpodien verabreicht werden als in direkter sachbezogen-pragmatischer Kommunikation unter Produzenten auf Sender- und Firmenseite. Die Verständigung übers Notwendige und Sinnvolle, Mach- und Bezahlbare, über Qualität und was sie realistischerweise kostet, über die wirtschaftlichen Voraussetzungen einer Programmarbeit, die ihre Standards achtet und dem großen Publikum dient, ist nunmehr durch stabile Knappheit erschwert und erleichtert in eins. Krisen sind bekanntlich Chancen. Sie verlangen und erlauben Remedur.

Wer den Opfern und den Verlusten, die, siehe oben, ein Fiasko ohnegleichen gekostet hat, gerecht werden will, muss sich einer nachhaltigen Konsolidierung im Rahmen des Vernünftigen widmen. Medizinische Metaphern, diagnostische wie therapeutische, liegen da nahe. Und sie haben wahrlich ihre Berechtigung. 2002 nämlich hat bittere Wahrheiten ans Licht gebracht und viel falsche Schönheit zerstört. Man könnte auch sagen, es hat Lehren erteilt, darunter die eine gute alte, wonach niemand über seine Verhältnisse leben sollte. Was die Verhältnisse sind und welche Produzentenszene diesen Verhältnissen im guten Sinne entspricht – in einer probaten Mischung aus groß und klein, konzern(ge)verbunden und (definitorisch heikel) unabhängig, industriell und manufaktürlich, darüber ist nun möglichst unideologisch zu handeln. Die Zeiten sind danach. Und der Prospekt dabei ist keineswegs düster, sondern, sozusagen, von grauem Glanz. Nichts für Verzagte natürlich, eher etwas für Entschlossene. Das ZDF rechnet sich zu diesen.

 
 
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